(Jetzt hat mich das Offene-Brief-Syndrom auch noch gepackt…)
Lieber Herr Artur K. Vogel,
Ihre Replik an Schriftsteller Lukas Bärfuss ist, wie soll ich sagen, Demagogie für Fortgeschrittene. Hier eine kleine Replik auf ihre Replik.
Sie haben im Text von Lukas Bärfuss eine Menge «Unsinn» entdeckt. Ich werde darum nur auf die gröbsten Fouls ihrerseits eingehen:
Sie bezeichnen die jüngsten Verschärfungen des Asylrechts als «moderat». Ausserdem hätten die Verschärfungen «nur für wenige konkrete Folgen».
Etwas genauer und konkreter: Für alle Flüchtlinge.
Stichwort Familiennachzug (fünf statt drei Jahre Wartezeit). Stichwort Nachfluchtgründe (gibts nicht mehr). Stichwort Kriegsdienst-verweigerung (kein Asylgrund mehr). Stichwort Botschaftsasyl (abgeschafft). Und so weiter auf der Verschärfungsleiter…
Die Aussage von Lukas Bärfuss, die Schweiz schaffe ihr Asylrecht ab, ist also weitgehend eine Tatsachenbehauptung. Wenn Sie auf den Restbestand unseres Asylrechts (vorausgesetzt der Ständerat winkt im Herbst die Verschärfungen tatsächlich so durch) stolz sein wollen, dürfen sie das, aber bitte mit etwas mehr Respekt all jenen Menschen gegenüber, die ihre Ansicht nicht teilen.
Wir beide wissen ziemlich genau (falls Sie einen Hund haben), dass man mit 8 Franken pro Tag in der Schweiz ungefähr ziemlich genau einen Hund durchfüttern kann. Um die Grundbedürfnisse eines Menschen abzudecken, ist die leidige Sache mit der geplanten Nothilfe jedoch reichlich knapp bemessen. (Und wir reden hier nicht etwa von Luxusgütern wie Zigaretten, Zahnbürsten oder Zugbilleten…)
Zur Erinnerung: Nothilfe wurde in der letzten Verschärfungsrunde eingeführt, um abgewiesene Asylbewerber, grossmehrheitlich Elendsflüchtlinge, aus der Schweiz zu ekeln. Erfolglos, wie wir heute wissen.
Der «moderate» Willkommensgruss an Folteropfer und Kriegsflüchtlinge lautet künftig also ungefähr: Bienvenue! Beinvegni! Grüezi! Vaffanculo!
Ihre Aussage, die Schweiz halte sich pingelig, viel pingeliger als andere Staaten an die Genfer Flüchtlingskonvention, kontrastiert leider stark mit zunehmenden Rügen des Europäischen Gerichthofes für Menschenrechte an die Adresse der Schweiz.
Ausserdem müssten Sie dann konsequenterweise für die Kündigung des Dubliner Abkommens eintreten. Rund 50% aller Asylgesuche werden in der Schweiz materiell gar nie behandelt. Ob die Menschen, die zu uns kommen schutz brauchen überprüfen wir gar nicht, sondern wir schicken sie gemäss Dublinverfahren direkt an die (offenbar weniger pingeligen) Nachbarländer zurück. Von jenen Gesuchen, die wir in der Schweiz wirklich prüfen, also hinschauen, ob die Menschen wirklich Schutz brauchen, werden über 70% positiv beurteilt. Notabene mit einem Asylgesetz, das in den letzten 30 Jahren neun Mal verschärft wurde. (Quelle)
Keine Ahnung, woher Sie den, pardon, Bockmist von den 80% Asylbewerbern ohne Fluchtgrund haben. Solange Sie ihn als Privatperson weiterverbreiten ist es mir eigentlich auch egal. Als Chefredaktor sollten Sie sich aber eher an Fakten orientieren.
Um all den Apokalyptikern und Hardlinern die braune Suppe zu versalzen, gibt es nämlich durchaus brauchbare Zahlen.
Dann schreiben Sie noch:
Unsinn Nummer drei: Wenn einer «als Asylant aufgenommen wird, dann muss er zuvor die Schlachtfelder in seiner Heimat überlebt haben», schreibt Dramatiker Bärfuss. Die tunesischen, senegalesischen, serbischen Schlachtfelder müsste uns Lukas Bärfuss erst noch zeigen.
Was wollen Sie damit eigentlich genau sagen? Weil es in der Schweiz (angeblich) kein Platz für Elendsflüchtlinge hat, sollen Kriegsflüchtlinge, und dazu gehören Kriegsdienstverweigerer nun mal, keine «echten» Flüchtlinge sein? Schlüsseln Sie den Satz bitte ganz auf. Ich verstehe nur Bahnhof.
(Ausserdem schockiert es mich einigermassen, dass selbst Schriftsteller nicht mehr über rechte Kampfbegriffe wie «Asylant» stolpern.)
Damit noch zum Punkt, der mich fast am meisten nervt: Sie unterstellen engagierten Anwälten, die oft genug zu Freundschaftstarifen, oft auch gratis, Flüchtlinge beraten, Profitgier! Was für eine infame Beleidigung. Ich weiss nicht, wie oft Sie in ihrem Leben schon Rekurs eingelegt haben. Sicher aber weiss ich, dass nicht jeder Flüchtling über ein Jus-Studium verfügt. Viele sind schon froh und dankbar, wenn sie rechtzeitig über ein lokales Asylgrüppchen stolpern, welche sie auf die heute schon sehr knapp bemessenen Einsprachefristen aufmerksam machen.
Wenn ich dazu noch eine Frage stellen dürfte: Was würde Ihnen an Stelle eines sauberen, rechtsstaatlichen Asylverfahrens denn konkret vorschweben?
Das sogenannte «Asylbusiness» (um den SVP-Kampfbegriff auch noch zu erwähnen) gibt es natürlich. Sort of. Aber anderswo als Sie es vermuten.
Tja, und jetzt ist dieser Brief doch noch viel länger geworden (und grummeliger) als ursprünglich geplant. Um den Brief doch noch etwas versöhnlich ausklingen zu lassen, möchte ich ihnen ein Bild schenken: Von Herzen.


Danke, Herr ugugu.
Bitte mehr solcher Briefe, es sind doch nie genug. Danke, ugugu.
ich habe Baerfuss-Vogel-Pichard im Newsnetz gesucht, war aber zu fahrig,um sie zu finden. Danke also für die Links.
Bin in den letzten Monaten oft in Bellinzona gewesen. Schon am ersten Tag ist mir das alte Hotel halbrechts gegenüber dem Bahnhof aufgefallen, das als einziges jeden Tag ausverkauft war. Stellte sich heraus, es ist offenbar fest vermietet als eine Art Auffangstation für Asylbewerber. Wo die anderen Hotels zu kämpfen haben, hat dieses scheinbar eine garantierte Auslastung. Mal stand übrigens auf der Tafel “Heute keine Roma” (sinngemäss). Ethnisch kontingentiert?
Es ist ein offenes Geheimnis, dass seit Jahr und Tag von Asylbewerbern, Arbeitslosen (Kurswesen!), Prostituierten (Mieten) etc. mit extremen Margen profitiert wird. Die Stories darüber sind aber vergleichsweise dünn gesät. Fürsorgemissbrauch ist halt einfacher anzuprangern, da hat man keine Retourkutschen zu befürchten.
Jaja die Presse – immer mehr Maulhelden, die ihren bequemen Sitz auf dem Maul vergessen machen möchten.
Bärfuss’ ‘Asylanten’ ist mir auch aufgefallen – Künstlerpech. Vogels Suada aber – eine Sauada. Schande über ihn.
@Hotcha: Die “Basler Zeitung” hielt den Pichard-Text übrigens für so relevant, dass sie ihn in der heutigen Samstags-BaZ nochmals druckte. (Die ihrerseits ungefragt und trotz BaZ-Nein-Danke-Kleber heute in meinem Briefkasten lag.) Kurz zusammengefasst: Nochmals Haue für Bärfuss ohne auch nur im geringsten auf das verschärfte Asylgesetz einzugehen. Die Grünliberalen stehen wohl kurz vor der Fusion mit den Braunlibertären.
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