Keine Ahnung, was die in Norwegen an ihren Kiosken so alles an publizistischem Pillepalle aufliegen haben, die aktuelle Xenophobiewoche hätte es dem norwegischen Massenmörder und Multikultihasser Anders B. aber mit Sicherheit angetan; wenn nicht sogar dazu verleitet, ein paar Passagen in sein 1500 Seiten starkes Paranoiamanifest zu copypasten, oder zumindest auf irgendeinem trümmligen Mittelstandsmeinungsportal loszuwerden…
Zitat
«Es hat sich im Internet – vom Journalistenschredder bis hin zu Gawker – eine neue Form der Medienkritik herausgebildet...»
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Spielregeln

Ich fühlte mich gedrängt hier etwas zu kommentieren. Ich lese und lese und lese den Post und ich frage mich: was will er uns sagen? Er stellt eine Unterstellung in den Raum, die keiner Fakten mehr bedarf, weil sie zum unhinterfragten Allgemeinplatz geronnen ist. Und darum fällt mir auch nichts ein, was ich dazu zu sagen hätte, oder wie dem entgegenzuhalten wäre. Merkwürdig.
@uertner: Paradoxerweise ist dir aber doch etwas dazu eingefallen?
Ich empfinde dieses Magazin-Cover (welches, was wir nicht unterschlagen wollen, drei Tage vor dem Attentat erschienen ist) als ziemlich unpassende Konterkarierung der Gegenwart. Aber natürlich hätte ich genau so ältere WeWo-Cover auspacken können, auf denen u.a. sozialdemokratische Politiker symbolisch zum Abschuss freigegeben werden.
Mit anderen Worten: Ich würde jetzt nicht unbedingt darauf vertrauen, dass in der Schweiz keine Soziopathen rumlaufen, welche solch grenzwertigem Quark möglicherweise sogar ernst nehmen. Tragen Verleger und Chefredaktoren nicht vielleicht doch auch so etwas wie eine minimale publizistische Verantwortung?
Soziopathen laufen immer herum. Die Frage ist: bildet sich irgendwo eine “Nische” im Markt für Heroismus? Und da denke ich gibt es diese in der Schweiz – noch – etwas weniger als anderswo. Zum einen ermöglicht die direkte Demokratie dem Bürger Dampf abzulassen: man verbietet Minarette, damit ist noch kein Problem gelöst, aber man hat ein Statement zur Leitkultur abgeben können, fühlt sich wieder demokratisch aufgehoben. Die Frage nach Worten und Taten stellt sich immer. Wie auch die Frage nach dem Stil der Auseinandersetzung. Der Mythos der bürgerlichen Gesellschaft lebt aber von der Mündigkeit und Zurechenbarkeit des Bürgers. Jedem Bürger wird zugemutet für seine Taten individuell zur Verantwortung gezogen zu werden. Denn ansonsten: wo wollen wir beginnen? Beim Papst Leo, der 1098 zu den Kreuzzügen aufrief? Bei den Tempelrittern? Bei Botho Strauss “anschwellenden Bocksgesang” von 1993, in dem die Gefühlslage des Attentäters als Zeitphänomen schon literarisch auf den seziertisch der Experten lag (Faschist!!! haben damals alle geschrieen)? oder ist nun Thilo Sarrazin am ganzen übel schuld (dessen Buch ja vor dem Erscheinen als “nicht hilfreich” sogleich abklassiert wurde)? Ist Henryk Broder schuld? Martin Walser? Roger Köppel? Ich glaube, diese festgefahrenen, reflexartigen Wahrnehmungs und Reaktionsmuster helfen uns nicht weiter. Im Gegenteil, der Attentäter wusste ganz genau, dass er als “grösster Faschist nach 1945″ in die Annalen eingehen würde. Dabei ist er weder Faschist, noch Christ, sondern einfach ein junger intelligenter Mann, der weder Frau noch Kinder hatte und darum sein Wissen über die “Zynische Vernunft” der trägen Sozialdemokratie, über das unbedarfte gewurstel in den online-Redaktionen und die funktionsweise von social medias zu einer genialen PR-Waffe schmiedete. Millionen wurden nun über seine Ideen informiert, Millionen sahen ihn in Gala-Uniform im Internet. Die gemeingefährlichen Publizisten sitzen in der online-Redaktion der Werdstrasse. Köppel mag die NIsche für Heroismus aufspüren. Als Spürhund hat die Weltwoche viel geleistet. Aber an der Werstrasse arbeiten die Hohlköpfe, auf die der Massenmörder als “nützliche Idioten” zu 100% zählen kann, die seinen Plan vollenden.
Um vorauszusehen, dass ihn die Nachwelt nicht gerade als erfreulichen Zeitgenossen in Erinnerung erhalten wird, braucht es ja nicht gerade furchtbar viel an Intelligenz. Ob eine ins unermesslich gesteigerte Egomanie eine solche Tat auszulösen vermag, ist zwar eine interessante Frage für den Psychologen, welche uns vermutlich auch noch eine Weile beschäftigen wird, allerdings blendet es zentrale Fragen aus: Etwa, auf welch ideologischen Brühe Nationalisten ihre Taten begründen und dann auch ausführen. So ganz einfach möchte ich geistige Brandstifter wie Köppel, Broder oder Sarrazin dann doch nicht aus der Verantwortung entlassen.
weil man in der schweiz durch das verbieten von minaretten dampf ablassen kann, schiesst keiner dutzende von jugendlichen über den haufen? das ist mir verlaub der bisher durchgeknallteste kommentar, den ich zu dem thema gelesen habe.