Volksverballhornung à la Newsnetz

Der ganze Titel lautet übrigens: «Warum Türken und Ex-Jugoslawen häufiger bei der IV landen». Offenbar tausendfach angeklickt. Keine Einordnung, keine kritische Betrachtung, kein garnix. Nackte Zahlen und knackige Titel fürs Klickcharma. Hauptsache Studie mit Ausländer drin.  Insofern: Die «anderen» können mich mal, aber kreuzweise.

19 Antworten zu Volksverballhornung à la Newsnetz

  1. Genau das dachte ich auch. Aber sonst stets in epischer Breite und mehrfach vom selben Betrugsfall berichten… Nicht mal die Kommentarfunktion ist aktiviert – wobei ich nicht sicher bin, ob die auch genutzt würde… es gibt ja nichts zu meckern. Höchstens zu erkennen: da wurde die letzten Jahre lang ganz vielen Menschen Unrecht getan.
    Und wenn es die Betrüger im grossen Stil so gar nicht gibt – wo wird dann eigentlich dauernd so engagiert gespart?

    Möglicherweise bei Menschen die tatsächlich krank/behindert sind?

  2. Naja. Ist doch gut, wenn das Tausende lesen. Ich find den Text sachlich, trocken, korrekt. Manchmal genügen nackte Zahlen und nüchterne Studienresultate. Manchmal kommen sie sogar besser an, als wenn noch jemand einen ideologisch-moralisch gefärbten Kommentar anfügen muss.

  3. @David,
    Ja, klar – Sachlich ist an sich gut. Nur: eine sachliche Berichterstattung gibt es im umgekehrten Fall seit Jahren nicht (wie neulich auch bei 10vor10 gesehen). Bei (möglichem) Betrug ist Empörung irgendwie immer ok und wird bewusst provoziert und geschürt – und das seit Jahren.

    Moralische Empörung auf diese Studie ist dann gleich wieder ideologisches Gutmenschentum.
    Die moralische Empörung auf einzelne aufgebauschte Betrugsfälle (oder auch nur Verdachtsfälle) ist aber genau so ideologisch – einfach auf die andere Seite.
    Über den Missbrauch bei der IV besteht durch all diese angeheizten Berichte und Diskussionen die feste Meinung, dass er (insbesondere bei Ausländern) sozusagen der Normalfall ist. Eine Diskussion in die andere Richtung (was diese Anschuldigungen auf Betroffenenseite für Auswirkungen haben) findet nicht statt. Weil das einfach langweiliges ideologisches Gutmenschtum ist und keine gute Schlagzeile hergibt. Das ist einfach so, Empörung generiert Klicks – das kann man auch nicht ändern – aber ausgewogene Berichterstattung ist das nicht.

  4. @Mia: Der Artikel hat jetzt aber wirklich nichts mit Empörung zu tun. Gut, zugegeben, der Titel ist reisserisch, aber sonst dominieren ganz klar Fakten. Ich frage mich ein wenig, was sich Ugugu unter Einordnung oder kritische Betrachtung vorgestellt bzw. gewünscht hätte.

    Und ja, a propos Empörung: Auf diesem Blog kommt ja auch praktisch jeder Artikel mit genügend davon daher. Ist so richtig linkes Füdlibürgertum.

  5. Die Studie zeigt, dass wir nicht über ausländische IV-Bezüger, sondern ungeachtet der Nationalität über Ausbildung und soziale Hintergründe diskutieren sollten – sofern uns etwas daran liegt, möglichst viele IV-Fälle zu verhindern.

    Darum stört mich auch der Titel dieses Artikels, welcher eben nur auf die Nationalität anspielt. Man weisst nicht einmal darauf hin, dass Schweizer in ähnlicher Lage dem genau gleichen Risiko ausgesetzt sind.

    Und eine Stellungnahme vor allem seitens SVP wäre auch wünschenswert gewesen…

  6. @Mia: Absolut einverstanden, dass die aufgebauschten (vermeintlichen) Betrugsfälle das Problem sind. Dieser Artikel ist aber nicht Teil dieses Problems. Und die Erwartung, dieser Artikel müsse und könne dieses Problem lösen, halte ich für verfehlt.

  7. @ David,
    Ja stimmt, der Artikel an sich ist tatsächlich nicht das Problem. Das Problem liegt in der Richtung, die Titus angesprochen hat.
    Die ganze Thematik wird in der Öffentlichkeit vor allem Parteipolitisch (von links wie rechts) abgehandelt – anstatt dass an einer pragmatischen Lösung gearbeitet würde.

    (das ist natürlich kein IV-spezifisches Problem, aber da es ein Nischen-Thema ist, das kaum jemanden tiefergehend interessiert, ist es relativ einfach “irgend etwas zu behaupten” und sich damit parteipolitisch zu profilieren – weil es niemand nachprüft)

    @Titus
    genau, Prävention betrifft alle. Der Schwerpunkt ist aber je nach Bevölkerungsgruppe unterschiedlich. Schweizer haben ja eher keine Sprachprobleme, Migrationserfahrung oder Kriegstraumata.

  8. was mich hier noch interessieren würde, wären die zahlen zu tamilen, portugiesen und thais/vietnamesen.

  9. mich interessieren die zahlen zu den jurasiern, thurgauern und argauern!

  10. Hach, schon wieder dieser Bullshit-Vergleich.

    Könnte sich vielleicht einmal jemand daran machen, die Einbürgerungshürden zwischen den Ländern zu vergleichen?

  11. @wahrscheinlich:
    billiger sarkasmus ist nie ein gutes argument.
    zu einem kritischen geist gehört eben auch der mut, fragen nicht auszuweichen, die eventuell bei der eigenen sichtweise kratzer hinterlassen könnten.

    ich wollte gar nichts insinuieren, aber wenn der grund für die vielen IV-fälle bei türken und jugoslawen die genannten umstände sind, müssten diese doch z.b. bei den portugiesen genauso greifen.

    ist auch gut möglich, dass das so ist. nur ist der portugiesische anteil an der ausländischen wohnbevölkerung sehr hoch, man hört aber im allgemeinen keine “scheininvaliden”-stories im zusammenhang mit ihnen.
    mich nimmt wunder, warum das so ist – ohne jedwelche vorverurteilung. scheint mir eine legitime frage zu sein, oder?

  12. @spot: mir geht es nicht unbedingt um billigen Sarkasmus; Jurassier haben eine höhere Arbeitslosigkeit, Aargauer leider unter einer allgemeinen Unbeliebtheit, im Thurgau gibt es keine “grossen” Städte; alles Faktoren, die eine Rolle spielen könnten.
    Worauf willst du aber hinaus mit deiner Frage? Die Studie zeigt, dass der hohe Anteil von Türken und Ex-Jugoslawen durchaus seine Gründe hat und benennt diese; Migrantinnen und Migranten aus diesen Ländern arbeiten in Risikoberufen, sind unterdurchschnittlich qualifiziert, haben weniger Sprachkompetenzen in den Landessprachen und sind zusätzliche durch biographische Faktoren etwas stärker belastet. Möchtest du wissen, ob Portugiesen gleich stark solchen Risikofaktoren ausgesetzt sind? Oder glaubst du, ein Türke mit Rückenschmerzen verhält sich anders als ein Portugiese, der nach 40 Jahren auf dem Bau einen kaputten Körper hat?

  13. @wahrscheinlich: ok sorry, dass ich deine bemerkung falsch aufgefasst habe. so gelesen ein durchaus berechtigter einwurf. aber:

    ausgehend davon, dass portugiesen den gleichen risikofaktoren (der ausdruck “biographische faktoren” ist by the way ziemlich schwammig) ausgesetzt sind, frage ich mich, ob bei gewissen ausländergruppen zu diesen faktoren eben doch noch kulturelle eigenschaften hinzukommen (oder eben nicht – ist ja eine frage, keine these), die eine tendenz zur beanspruchung von IV-leistung verstärkt.

    also ist meine frage die zweitere, allerdings GLAUBE ich das nicht, sondern möchte wissen, ob eine solche tendenz denkbar ist. dies aufgrund von meistens differenzierten beobachtungen und aussagen aus meinem bekanntenkreis, der sich aus allen möglichen nationalitäten und berufsgruppen zusammensetzt (wobei ich die meinungen von svp-stammtischproleten von anfang an ausblende).

  14. @Spot, Portugiesen haben auch eine erhöhte IV-Quote gegenüber den Schweizern, aber nicht ganz so hoch wie Menschen aus Exjugoslawien/Türkei. Portugiesen haben allerdings auch keine Kriegserfahrung. Da spielen die anderen Faktoren (Schlechte Ausbildung/“risikoreichere Jobs” ect) eine Rolle. Und schau dir mal die ethnische Situation in der Türkei an; Vertreibung/Folter/Morde an Minderheiten (zB. Kurden) u.s.w. http://de.wikipedia.org/wiki/Volksgruppen_in_der_T%C3%BCrkei

    Solche biografischen Faktoren prägen die Menschen einfach insgesamt und erhöhen die Vulnerabilität.

  15. auf das wollte ich hinaus – kann man eine korrelation annehmen zwischen IV-quote einer ausländergruppe und der repressiven oder instabilen politischen situation in ihrem heimatland und erklärt dies ausschliesslich die höhere IV-quote der türken und ex-jugoslawen im vergleich zu anderen defavorisierten gruppen? wie sieht es dann mit der IV-quote von vietnamesen oder tamilen aus?

  16. Vielleicht sind es Heerscharen von Moralwächtern, die den Artikel auf rassistische Inhalte überprüfen wollen. :-)

  17. Zum Inhalt, ich finde nichts verwerfliches daran, wenn ein Mensch in einer Notlage zu Mitteln greift, die andere als illegal betrachten. Das reine Vorhandensein einer Möglichkeit rechtfertigt ihre Ausnützung, da man von niemandem verlangen kann, sein eigener Aufpasser zu sein. Das einzige, was dem Rechtsstaat übrig bleibt, ist sich den Umständen dem Interesse der demokratischen Mehrheit entsprechend anzupassen.

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