Schlampig sortierte Gedanken zum «Tagi»-Relaunch

Der guardianisierte «Tages-Anzeiger» ist da. Kein schlechtes Lifting, aber auch kein wirklich gutes. Den Idioteneinstieg (Lead) nicht mehr grafisch abzuheben, finde ich eine gelungen Sache. Man fühlt sich als Leser ernster genommen. Erfreulich auch: Auf übermässige Eigenlobhudelei in der ersten Ausgabe wurde verzichtet. Ein Kommentar (erstellt mit dem  Plattitüdengenerator) und ein paar diskrete Hinweise auf der Leserbriefseite: «Näher am Leser», «Mehr Recherche», «Veredelte Optik»,  «Mehr Eigenleistung» usw. usf. (Zeitungs-Onanie halt). Gezeichnet: Die Chefredaktion.

Man wird sehen.

Heftig gestolpert bin ich nur über eine Aussage:

«Die Zeitung reagiert damit auf die veränderte Mediennutzung und grenzt sich deutlich ab von Pendlerzeitung und Onlineportalen.»

Handgesetzt in Blei und druckfrisch aus dem hunderjährigen Doppelmoraldrucker. Ob ich mich für diesen Satz kurz fremdschämen darf? Abgrenzungsversuche gegenüber den eigenen Schmuddelkindern (Gratiszeitung) einerseits, und dem doofen Internet andererseits, finde ich jetzt auch nicht mehr so ganz originell. Also eigentlich eher peinlich. Nur mal so dahingefragt: Wer macht eigentlich diese ganzen Onlineportale?

Ziemlich schizophren das alles. Macht ja nix. Ist erst 2009.

Und wo ich mich grad so schön am reinsteigern bin: Wer hält Tamedia  eigentlich davon ab, auch online etwas mehr bei almighty «Guardian» abzukupfern? Niemand. Eben.  Trotzdem liest man dann wieder so  Sachen wie: «Tagi»-Chefredaktor Res Strehle sitze im «Online-Beirat». Im was?!? Steht so im «Sonntag»: O-n-L-i-n-e-B-e-i-r-a-t. WTF? Tönt für mich wie eine anonyme Selbsthilfegruppe.

Also, ich sehe das so: Der Chefredaktor einer Zeitung ist sowas wie der Commandante Commander in Chief und gehört daher mitten auf die  Kommandobrücke und nicht in irgendwelche ekligen «Online-Beiräte». Herr @Rusbridger, ein Chefredaktor, gibt sicher gerne Auskunft, wie man ein solches Organigramm anders aufdröselt. Drei Chefredakteure für eine Zeitung scheint mir ohnehin etwas überdotiert. Remember: Zeitungskrise?

Sicher ist: Mit hyperventilierendem Klick-Trash à la Newsnetz («Berner Zeitung», «Basler Zeitung», «Bund», «Thurgauer Zeitung», «Tages-Anzeiger») lassen sich weder neue noch alte Leser an die, zugegeben, noch nicht ganz vertrashten Offline-Angebote binden.  Wer paid sagt, muss content liefern. On- wie offline.

8 Antworten zu Schlampig sortierte Gedanken zum «Tagi»-Relaunch

  1. Na ja, mich hat der Tagi heute positiv überrascht. Mal sehen, ob das auch morgen noch so ist (habe heute keine absolut birnenweichen Schlagzeilen gesichtet und auch keine Wir-klettern-mit-euren-Teddybären-für-200-Franken-in-luftige-Höhen-Beiträge auf Seite 2 im ersten Bund). Hoffnung herrscht.

    Und ja: Ich hätte online auch gerne Qualität und nicht billigen, rasch hingestiefelten Schrott – ob nun gratis oder nicht. Vielleicht sollte man bei Tamedia einsehen, dass der Ruf der Zeitung nicht nur vom Printprodukt, sondern halt eben auch von der Online-Ausgabe abhängt. Und wenn ich da so an die Online-Ausgabe denke ….

  2. boah, diese epische länge herr ugugu, welch ein genuss. mehr davon, bitte.

    also ich bin von hinten bis vorne enttäuscht. vor allem die typo ist weniger als ein wurf. werde das aber dann noch ausführlich bloggen.

    mal schauen, was die nächsten tage bringen.

  3. Luftiger ist er ja geworden, der Tagi. Der Mut zur weissen Fläche wird wohl etwa einen Journalisten aufwiegen.

    Dass der Zeitungskopf weiterhin von Werbung flankiert ist – ein Armutszeugnis.

  4. Pingback: Gefällt ihnen der neue «Tagi» ? « Journalistenschredder

  5. @ajku – Werbung ist schon immer ein Armutszeugnis, nämlich ein Zeugnis dafür, dass niemand einfach nur aus reiner Lust am Spass eine Zeitung macht. Ohne Ironie gesagt: Ihre Kritik ist echt billig. Zeitungskopfflankierende Werbung gibts sogar bei der “Zeit”.

  6. @Hildebrandt – Meine Kritik ist nicht billig. Biilig wäre, wenn ich jetzt darauf hinweisen würde, dass es offenbar auch die NZZ ähnlich sieht.

    Vielleicht ist es eine Stilfrage?

  7. Pingback: Randnotizen » Artikel » Tagi vernichtet Kommentare

  8. @ajku – Stilfragen sind natürlich was anderes. Schlechter Stil ist es, aber verbreitet ist er auch, nicht nur bei Zeitungen, sondern allüberall – seufz.

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