Genau vor einer Woche erhielt der «Blick» maximal Schelte vom Schweizer Presserat, weil er (und andere) sich einen Deut um Persönlichkeitsrechte scheren. Für einen Moment rauschte so etwas wie eine selbstkritische Debatte durch den Schweizer Blätterwald: Die «NZZ» erklärte sinngemäss, es sei nicht die Aufgabe der Presse sich als Strafverfolgungsbehörde und Oberrichter aufzuspielen. Der «Tages-Anzeiger», im Internet längst nur noch Gossenpossen-Produzent, appellierte eher heuchlerisch an die journalistische Eigenverantwortung; was in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten natürlich furchtbar schwierig sei, das mit der Eigenverantwortung. Und der «Blick»? Der nimmt die Sache zur Kenntnis (oder auch nicht) und geht gleich über zum Tagesgeschäft:
1. Da wäre zum einen der Mordfall von Grenchen: Hier findet es der «Blick» offenbar opportun, längst verhaftete, damit aber noch lange nicht verurteilte mutmassliche Täter, präventiv und für alle Ewigkeit an den Pranger zu stellen: Einmal mit Heuchlerbalken und Namen versehen, einmal mit geheuchelten Namenskürzeln dafür mit unverfälschten Fotos. (Danke für den Hinweis an Brockhaus).
Aber es geht noch abartiger…
2. Zum Beispiel, indem man eine junge Frau an die Öffentlichkeit zerrt, oder besser gesagt, einem Millionenpublikum vorführt, die, man höre und staune, in ihrer Freizeit Sex praktiziert. Die Ganze erinnert in der Machart doch sehr an Homosexuellenverfolgungen von anno dunemal. Nachzulesen drüben bei «Klartext»: Eine Hexenjagt sondergleichen.
Würde mich nicht wundern, wenn beim «Blick» noch jede Menge Nakedeifotos derselben Dame im Archiv rumliegen. Einst für viel Geld über den Tisch gewandert. Bigotterie, jetzt oder nie. Noch günstiger ist es allerdings Nakedeifotos auf einschlägigen Portalen zu klauen und «zvg» darunter zu kritzeln. Man kann nur hoffen, dass sich die Frau einen guten Anwalt leisten kann, um für das öffentlich durch die Kloake gezogen werden eine angemessene Entschädigung rauszuklagen. (…vielleicht mal bei Thomas Borer nachfragen.)
Und nur um eines hier klarzustellen: Das waren jetzt zwei eher zufällig rausgepickte Beispiele unterirdischer Höchstleistungen à la «Blick». Dem Presserat wird die Arbeit nicht so schnell ausgehen.

interessant sind zu fall zwei die kommentare auf tou.ch, die sich mit der rolle der autorin des artikels befassen. komische geschichte.
http://www.tou.ch/blog/2009/06/30/blick-sticht-ins-sado-maso-sommerloch-und-erntet-kritik/#comments
@Patrick: Auf den Punkt bringt es allerdings dieser thomas bei dir drüben: «Die Grenzen zwischen Zickenzone und übelstem Kampagnenjournalismus scheinen mittlerweile auch fliessend zu verlaufen…»
Womit sich der Blick, wenn’s hart auf hart kommt, auch gleich die Hände in Unschuld waschen wird: Es handelt sich demnach um einen Artikel einer durchgeknallten Autorin, die man aufgrund wirtschaftlicher Engpässe ohnehin habe entlassen wollen…
“Aber es geht noch abartiger…”
Mich wundert nur, dass die noch Anzeigen aus der Sexbranche kriegen! Mal mit der Kamera vor Sakura, Freubad, Roma, Blauer Aff, Plan B und Club Globe warten (Alle Namen aus Blick) Und dann publizieren wir im Blick “anonymisiert” ein paar interessante Beispiele!
Nicht vergessen am Folgetag ein paar biedere Hausfrauen befragen: “Finden Sie es zulässig, dass der Herr B, Ihr Gemeindepräsident/Sozialvorsteher/Chef/Mitarbeiter/etc. ” solche Schmuddelorte aufsucht?”
@Dark: Interessante Vorstellung: Sexgewerbe zwingt Ringier zur Einhaltung minimaler journalistischer Standards.
Hallo Ugugu, besten Dank für diesen Beitrag. Habe den Blick mit den Vorwürfen kontaktiert, die auf tou.ch laut wurden. Bin gespannt auf die Antwort.
Erlaube mir hier den Link zu meinem Post zu setzen, da das doofe blogspot keine Trackback-Funktion unterstützt;
http://pascalwitzig.blogspot.com/2009/07/blickgotterie.html
Grüssewohl
Bravo DARK!
Jetzt beginnt das grosse Outing vor den Häusern der letzten Blick-Inserenten bis da keiner mehr hingeht und die bei Blick keine Werbung mehr schalten.
Ich lach mir einen Schranz in den Bauch!
Aber wer Menschen bewusst auf diese Weise in aller Öffentlichkeit fertig macht, hat es nicht besser verdient!
@ugugu. die autorin des artikels ist auch nicht im impressum des blick zu finden…. vielleicht ist sie praktikantin oder volontär…
deborazeier.com/Press/presse_57.asp
Letztes Jahr studierte sie noch.
März 2008
von Sandra Scherrer (jetzt, Das Magazin)
“Debora E. C. Zeier studiert Business Communications.”
und weiter:
“Nackt am Cello
Dennoch gibt es Bilder von Debora E. C. Zeier, die ihren Körper unverhüllt – nur von ihrem Instrument, dem Cello leicht verdeckt – zeigen. “Ich finde nicht, dass dies besonders freizügige Fotos sind. Man sieht ja in jedem Schwimmbad mehr als auf diesen Bildern”, sagt Debora, als sie auf die Aufsehen erregenden Bilder angesprochen wird und ergänzt: “Für mich sind diese Bilder nicht Ungewöhnliches, sondern ganz normal. Man sieht nun mal echt gar nix, was als ‚nicht jugendfrei’ bezeichnet werden könnte.” Dabei lacht sie: “Ich hatte nie das Gefühl irgendetwas Unanständiges zu tun. Ich mag meinen Körper und die Fotos gefallen mir.” Da ist sie sicher nicht die Einzige. Auch in ihrem direkten Umfeld hat sie keine negativen oder prüden Reaktionen auf die doch anziehenden Fotos erhalten: “Mein Umfeld reagiert da eigentlich gar nicht darauf, da ich nicht andauernd darüber spreche. Die Leute wissen es, aber es stört niemanden.” Wen kann denn so ein Anblick schon stören? Im Gegenteil: Da hofft man(n) doch auf noch mehr Einblick und weitere Aufnahmen in diesem Stil. Ihr Ziel hat Debora E. C. Zeier mit dieser Aktion erreicht. Sie will “ihr” Instrument, das Cello, in der breiten Öffentlichkeit bekannter machen. Egal ob im Klassik-, Pop, Jazz- oder HipHop-Bereich – das Cello passt überall und ist vielseitig einsetzbar. Wie die Bilder von Debora E. C. Zeier zeigen – nicht “nur” als Musikinstrument, sondern auch als passendes Requisit für atemberaubende Fotos.”
@Patrick: Oder der lebende Beweis, dass man auch oder gerade als Leserreporter ein steile Reporterkarriere beim Blick hinlegen kann. Und jetzt fertig im Dreck geguslet, ehrlich gesagt ist es mir so schnurz wie breit wer den Artikel verfasst hat. Genau so wenig interessieren mich Nacktbilder von Frank A. Meyer – got it? Es gibt beim Blick wohl auch noch so etwas wie eine Chefredaktion, welche solche Stories durchwinkt?
@ Ugugu Ja, als Leserreporter einfach mal alle Deine Bekannten und Rivalen blossstellen!
Ist natürlich geschlechtsneutral…;-)
@Ugugu: Naja, ganz so egal ist es ja auch wieder nicht, wer den Artikel verfasst hat. Ich denke Frau Zeiers Hintergrund gibt der ganzen Story doch schon ein wenig einen fahlen Beigeschmack.
@Pascal: Ja, vermutlich spielt der Hintergrund eine Rolle. Und Morgen lesen wir auf Newsnetz oder (NZZ-Online?) die brisante Enthüllungsstory über Frau Zeier, alles über ihr Cello, ihre Haustiere und ihre Exfreunde, und selbstverständlich werden sämtliche Ex-Miss-Bikini Schweiz (“Jetzt rede ich!”) mal wirklich tacheles reden. Die Frage ist: Wer soll den ganzen Blödsinn eigentlich stoppen, geschweige denn lesen? Hier steht die Chefredaktion einer Zeitung in Erklärungsnotstand, nicht die Praktikantin.
@ ugugu, Juli 1, 2009 at 7:04: Sie ist wohl eher der lebende Beweis, dass Missen «was mit Medien» machen möchten, wenn es für eine Modelkarriere nicht reicht.
@ alle: Aber die Photos der Journalistin, auf denen sie mit dem Cello in kopulationsartiger Pose abgelichtet ist, spielen für die Beurteilung dieses Falles wirklich keine Rolle. Bigotterie ist schliesslich nicht verboten und wird auch kaum Gegenstand einer allfälligen Untersuchung auf der Grundlage der medienethischen Normen des Presserates sein.
Hingegen geht es hier um die Frage der Respektierung der Privatsphäre und dem ungefragten Veröffentlichen von Bildern in einer grossen Tageszeitung.
Wie @ Ugugu sagt, liegt die Verantwortung bei der Chefredaktion.
Neben der Verletzung der Privatsphäre widert mich an dieser Geschichte vor allem an, dass sich der «Blick» als Tugendwächterrat aufspielt. Er sorgt sich um den Ruf des Sozialamtes und die Vorbildfunktion der Amtspersonen. Er will also einen moralischen Grund liefern für sein widerwärtiges Handeln. Aber wessen Moral? Kein vernunftbegabter Mensch interessiert sich dafür, was andere in ihrem Schlafzimmer treiben – solange sie das Selbstbestimmungsrecht der beteiligten Personen nicht verletzen. Wie können wir es in einer zivilisierten Gesellschaft also dulden, dass ein Mensch drangsaliert (oder wie in anderen Fällen) eine Familie, ein Leben zerstört wird, um ein paar Zeitungen zu verkaufen?
die Blick-Journalistin schreibt auf ihrer Model-Homepage ja sogar den für ihre Arbeit absolut zentralen Begriff Setcard falsch:
Sedcard.
Da lachen ja die Hüner!!!
Aber das kann sie ja jetzt bei der als ‘News’ angekündigten baldigen Überarbeitung der Homepage flicken.
http://de.wikipedia.org/wiki/Sedcard
hhhhhh
so, nun schleift 20min die nächste Sau durchs Dorf:
http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/Darf-sich-eine–Blick–Redaktorin-so-zeigen–15698452
@dani: uiuiuiui, jetzt kommt’s aber ganz dick….
@ Dani ja, die musste durchs Dorf damit http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/Der–Blick–verliert-seinen-Chefredaktor-12316158
Leider! Aber auch Zeitungen dürfen nicht Menschen mutwillig zerstören!
@complete: Ich verstehe Dich nicht. Meinst Du die Geschichte sei der Grund, um den Chefredaktor zu schassen?
Ich finde es einfach nur erbärmlich, dass nun darüber debattiert wird, ob die Autorin aufgrund ihres privaten Hintergrundes dazu legitimiert ist, eine “Hexenjagd” zu lancieren. Als ob das etwas an der üblen Rufmord-Kampagne ändern würde.
«Die Grundsatzfrage lautet letztlich, wie viel Privatleben einer öffentlichen Personen darf aus den hinteren Plätzen des Internets in den medialen Vordergrund gezerrt werden.» Mehr Argumente kommen uns spontan auch nicht grad in den Sinn, weshalb wir uns auch nicht allzu lange mit DER ‘Grundsatzfrage’ aufhalten wollen, denn dort auf den hinteren Rängen des Internets, zum Beispiel «In zahlreichen Blogs wird die «Blick»-Geschichte inzwischen entsprechend aufgeregt und seltsam einhellig diskutiert.» Nicht dass wir die Cellosexbilder wirklich aus den dunklen Ecken des Internets in den medialen Vordergrund zerren wollten, aber die furchtbar undifferenzierten Blogger zwingen uns geradewegs dazu…
Hach, Journalisten…
@Dani @Complete: Ja klar, der Blick schasst den Chefredaktor wegen dieser Geschichte. Kaum. Auch wenn der Zeitpunkt der Bekanntgabe alles andere als unideal ist. Und wenn ich das hier mal nebenbei anmerken darf: Links auf «20 Minutten» und Tamedia-Produkte im allgemeinen sind hier nur in äussersten Notfällen gern gesehen.
Wie @ Ugugu gestern um 10.06 prognostiziert hat. Okay, dafür braucht es keine medialen Fähigkeiten, lediglich Erfahrung mit Medien. Wie vorauszusehen war, werden sich die Medien jetzt gegenseitig mit Photos von abgeschmacktesten Lolita-Posen eindecken und damit vom Kern der Geschichte ablenken.
Verantwortlich für die Veröffentlichung von Bildern einer Passwort-geschützen Internet-Seite für Club-Mitglieder sind Blick-Chefredaktor Bernhard Weissberg resp. Michael Ringier. Der Fall Borer hat ihnen gewiss genügend Anschauungsmaterial geliefert, wie man es nicht machen sollte als Boulevard-Zeitung, aber sie sind absolut unbelehrbar. Und solange sie ihre eigenen Fehler, ihre Schuld nicht einsehen, werden sie auch wieder rückfällig, wie man bei Kleinkriminellen sagen würde. Womit ich keineswegs sagen will, dass die verantwortlichen Herren kleinkriminell sind. Aber sie sollten vielleicht mal auf ihre Leser hören, die solche Hexenjagden keineswegs goutieren. Der Abscheu fliegt den Herren von der Dufourstrasse 23 nur so um die Ohren.
Ui, da geht man noch schnell einen Kaffee holen, bevor man auf «senden» drückt und schon wird aus dem Chefredaktor ein Ex-Chefredaktor.
@ Dani Die Rufmord-Kampagne des Blicks war eine Frechheit! Nach unzähligen Presseratsentscheiden wusste man das auch beim Blick. Sensationsgeiler geht es gar nicht mehr.
Das Gespann Zeier-Weissberg hat grundsätzlich Rechte nicht respektiert. Zugegeben, Zeier war auch das leichtere Opfer. Aber ohne Druck von aussen hätte man mal wieder alles einfach übersehen. Zumal auch intern keine Kritik mehr möglich war.
@ ugugu Es waren nicht die Blogger! Es waren die vielen empörten Blick-Leser, die keine Einmischung in ihr Privatleben wollen.
Hier wird fahrlässig ein öffentliches Interesse an einer Berichterstattung suggeriert um Bilder zu zeigen, die ansonsten unter Persönlichkeitschutz stehen, um Namen zu nennen die ansonsten mit der Berichterstattung nichts zu tun hat.
Ein öffentliches Amt, öffentliches Tun, wird so mit rein privaten Angelegenheiten verknüpft, dass quasi aus dem öffentlichen Amt heraus, alles private öffentlich wird. Wofür da noch eine Unterscheidung zwischen öffentlichem Interesse und Privatschutz? Bei einer solchen Berichterstattung wird alles Private von Personen, die nicht nur täglich zwischen Haustür und Supermarkt verkehren, zum quasi öffentlichen – und damit zum ungeschützen. Und angesichts des nur marginal ausgeprägten Datenschutzinteresse in der Schweiz – vielen Dank! Ich hoffe den Beteiligten wird wenigstens irgendwann mal klar, welch schmalen Grad sie da begehen.
@complete: C’mon, wegen ein paar Leserbriefen musste noch kein Chefredaktor den Hut ziehen, es sei denn, die Geschichte hätte eine Abo-Kündigungswelle ausgelöst. Der durchschnittliche Blick-Abonnent, vermute ich zumindest, kann durchaus etwas «mud» wegstecken. Vielleicht unterschätze ich das aber auch.
Natürlich waren es, wenn überhaupt jemand, ausschliesslich die Blogger, darauf bestehe ich ;-)
«Zumal auch intern keine Kritik mehr möglich war». Oder spricht da ein Insider?
Übrigens: Ralph Grosse-Bley, stv. CR und neu verantwortlicher für das redaktionelle Tages-Geschäft, ist einer der Exponenten der Borer-Affäre, die Ringier Millionen gekostet hat. Verpflichtet hat ihn Frank A. Meyer, und zwar unbelehrbar wie auch er ist, gleich zwei Mal. Nachdem Grosse-Bley den «SonntagsBlick» verlassen musste, holte er ihn Anfang Jahr erneut, diesmal zum «Blick».
Am 9. 11.2009 analysierte Kurt-Emil Merki im «Sonntag»: «Die Verpflichtung Grosse-Bleys, der der harten «Bild»-Schule entstammt, scheint ein Akt der Verzweiflung zu sein. Jedenfalls ist es ein Signal, dessen Wirkung sowohl nach innen wie nach aussen verheerend ist. Jene «Blick»-Journalisten, die noch Wert auf Differenzierung und Haltung legen, werden das Blatt bei der erstbesten Gelegenheit verlassen. Und die Opinion-Leaders, die den «Blick» wegen dessen Kompetenz und Berechenbarkeit schätzen gelernt haben, werden sich wieder von ihm abwenden. Es fragt sich also, ob die Rechnung der Konzernleitung am Schluss aufgehen wird.»
Fazit: Frank A. Meyers Sonntagspredigten über Moral und Ethik haben in etwa die gleiche Glaubwürdigkeit, wie wenn Gilbert Gress über neuste Frisurentrends referieren würde.
@Frau Müller: Das Fazit ist gut =)
vielleicht opportun, da “die Tage von Chefredaktor Bernhard Weissberg gezählt” scheinen, wie “ein «Blick»-Angestellter gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnetz erklärt” (12.03.2009).
http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Blick-besinnt-sich-auf-die-alten-
Untugenden/story/18714396
Kann es sein, dass die Journalisten ihre Leserinnen und Leser für dümmer verkaufen, als sie es sind?
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