Journalistenschredder

Sucht nach Anerkennung

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert von ugugu am Juni 23, 2009

Es ist ja unter schreibfaulen Bloggern so üblich, die Highlights aus den eigenen Kommentarspalten  als Blogeintrag aufzuwärmen, was hiermit getan sei…

Von Frau Müller

Journalisten sehen sich in ihrer Phantasie gerne auf der Tribüne des Weltgeschehens hocken, wo sie unbeeinflusst und strikt der Wahrheit verpflichtet die Ereignisse protokollieren und diese Informationen an urteilsfähige, mündige Bürger weitergeben um den demokratischen Meinungsbildungsprozess zu stärken.

Wer ein solch kitschiges Selbstbild malt, muss zwangsläufig scheitern. Zumal es wohl keinen anderen Beruf gibt, bei dem die Selbstwahrnehmung und die Fremdwahrnehmung derart auseinanderklaffen wie beim Journalisten.

Wenn Journalisten hin und wieder mit erwachsenen, gebildeten, politisch interessierten und informationshungrigen Menschen sprechen würden, dann müssten sie feststellen, dass sie ein massives Glaubwürdigkeitsproblem haben. Die wenigsten Bürger hoffen, in einer Zeitung oder im Fernsehen die Wahrheit zu finden. Sie vertrauen den Journalisten nicht mehr. Und gibt es dafür nicht gute Gründe?

Journalisten reden viel über die strukturellen Ursachen und reflektieren wenig darüber, welchen Anteil sie selber am dramatischen Qualitätszerfall haben. Dass es im Journalismus einen Trend in Richtung Boulevardisierung, Personalisierung und auch Skandalisierung gibt, wird ja überall beklagt, sogar unter selbstkritischen Journalisten. Doch wirklich gefährlich ist, dass Journalisten – genauso wie die Politiker! – in ihrer Sucht nach Anerkennung, Bestätigung, Lob und ihrem Bedürfnis weithin sichtbare Abdrücke der eigenen Existenz zu hinterlassen, die Bodenhaftung und den Wirklichkeitssinn verlieren.

Hat man früher noch die Politiker mit Häme übergossen, die sich in der «Gala» im Swimming Pool ablichten liessen, an Casting Shows teilnahmen und als Latexlady verkleiden, so findet man heute in jeder Ausgabe der Schweizer Illustrierten eine Homestory mit Journalisten und ihrer Familie.

Der Politjournalist Jürgen Leinemann hat nicht nur mit den Politikern schonungslos abgerechnet («Höhenrausch»), sondern auch mit seiner eigenen Zunft: «Journalistische Freiheit wird viel weniger durch obrigkeitsstaatliche Pressionen bedroht als durch die weiche Knechtschaft einer eitlen Selbstverliebtheit der Journalisten.»

Und das war mitnichten das einzige Highlight in dieser Debatte. Ugugu dankt! An dieser Stelle möchte ich auch gleich betonen, dass ich ausnahmslos alle DebattiererInnen als Redaktionsmitglieder einer «Journischredder-Times» einstellen würde – wenn ich denn die Mittel dazu hätte. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Auf ein «Newsroom»-Konzept wird aus offensichtlichen Gründen verzichtet. Redaktionsmotto: Never carry a gun!

33 Antworten

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  1. Zappadong sagte, am Juni 23, 2009 zu 5:37 pm

    Und so kommen wir endlich zum ersten Blogeintrag von Frau Müller.

    Also, ich … ich hätte ja unbedingt das Verlangen nach weiteren …

  2. Hildebandt sagte, am Juni 23, 2009 zu 7:42 pm

    Vergessen Sie’s, Zapp. Die Müllerin ist zu schlau dafür.

  3. Titus sagte, am Juni 23, 2009 zu 8:52 pm

    Pardon, aber mir ist das dann doch etwas zu pauschalisierend resp. zu wenig differenziert, namentlich «die Journalisten».

    Wer bestimmt denn, was publiziert wird (egal über welches Medium)?

    Seid Ihr sicher, dass da in den Redaktionsstuben nicht auch weniger selbstsüchtige Menschen sitzen, welche wahre Genies wären, würde man sie denn einmal lassen?

    Wer verlangt denn nach immer grösserer Attraktivität des jeweiligen Mediums, womit der Boulevardisierung Vorschub geleistet wird (ein Interview mit Paris Hilton interessiert eben mehr als eines mit Peer Steinbrück).

    Wer hat in den letzen Jahren neue (Gratis-)Zeitungen auf den Markt geworfen, womit eigene (Bezahl-)Zeitungen kanibalisiert werden und diese unter Druck geraten (welchem man vielleicht nicht mit den richtigen Gegenmassnahmen begegnet)?

    Kurz: Wer setzt die Rahmenbedingungen und spricht kaum über strukturelle Veränderungen (und ignoriert diese vielleicht sogar)?

    Ich stelle nicht in Abrede, dass auch meiner Ansicht nach die journalistische Qualität in den letzten Jahren beträchtlich nachgelassen hat. Deswegen aber so undifferenziert mit dem Finger auf den gesamten Berufsstand zu zeigen, scheint mir etwas gar einfach.

    Noch ein Wort zu:
    «Die wenigsten Bürger hoffen, in einer Zeitung oder im Fernsehen die Wahrheit zu finden. Sie vertrauen den Journalisten nicht mehr.»

    So schwarz/weiss würde ich das nicht malen. Tatsache ist doch, dass ich heute – Internet sei dank – eine Medienmitteilung oder eine Medienkonferenz des Bundesrats eins-zu-eins nachschauen kann. Das war bisher exklusiv den Journalisten vorenthalten und diese Exklusivität fällt zunehmend dahin.

    Nur: Hat irgendwer der hier Mitlesenden auf der Homepage des SGB nachgeschaut, was dieser gestern forderte? Zweifelt irgendwer tatsächlich an dem, was da gesagt wurde, zumal es für einen Gewerkschaftsbund zu erwartende Forderungen waren?

  4. Chat Atkins sagte, am Juni 23, 2009 zu 11:16 pm

    Wenn du ein wahres Genie bist – und man dich nicht lässt: Was machst du denn da noch?

  5. Frau Müller sagte, am Juni 24, 2009 zu 12:15 am

    @ Hildebrandt: Ich bin nicht zu schlau für einen Blog, sondern zu faul.

    @ Titus: Selbstredend kann man jedes Thema differenzieren – bis zur Unkenntlichkeit.
    In diesem Beitrag wollte ich aber eben gerade nicht über strukturelle Veränderungen schreiben, sondern – wie erwähnt – über den Anteil reflektieren, den die Journalisten selber am dramatischen Qualitätszerfall haben. Vielleicht möchten Sie noch dazu etwas sagen?

    Haben Sie schon mal auf einer Redaktion gearbeitet? Dann kennen Sie ja die Allüren der Journalisten und ihre Lebenslügen. Natürlich gibt es auch weniger selbstsüchtige Menschen dort, bloss gehen sie unter, weil sie beim eitlen Schaulaufen der Selbstvermarkter nicht mitmachen können.

    Wer verlangt nach Paris Hilton? Ich habe in all den Jahren noch nie von Lesern gehört, die gesagt hätten: «Wir wollen mehr Paris Hilton.» Im Gegenteil gibt es häufig Reklamationsbriefe, wenn Journalisten allzu seichte Themen ins Blatt heben, beispielsweise als der Tagi ein halbseitiges Interview im Züri-Bund mit der 20-jährigen Geliebten des Opernhaus-Direktors machte.

    Es sind die Journalisten, die danach streben, das zahlende Publikum von jeder tiefer gehenden Einsicht fernzuhalten.

    Ihr Versuch der Ehrenrettung des journalistischen Berufsstandes in Ehren – nur, bringt das niemanden weiter.

    «Journalisten sind sensible Menschen, sie reden viel und laut – aber niemals über eigene Fehler.»
    Kuno Haberbusch, Redaktionsleiter des NDR-Medienmagazins Zapp in:
    http://www.medien-monitor.com/1432.0.html

  6. Hildebrandt sagte, am Juni 24, 2009 zu 8:36 am

    @Müllerin: Nice try. Und zum unteren Teil: Ich habe auf einer Redaktion gearbeitet. Da waren IMHO nicht nur Idioten zugange. Es wird sehr wohl nach Paris Hilton verlangt, das ist ja heute via Webseismograph messbar. Die dumpfen Geschichten werden geklickt und die Chefs verlangen anschliessend, dass man das stiere Gerümpel ins Blatt rückt, von wegen Einschaltquote. Und noch zur Präzisierung; ich will keineswegs den ganzen Berufsstand ehrenretten; weit entfernt. Aber die Schuld liegt nicht nur beim Schreiber, ich muss insistieren.

  7. Titus sagte, am Juni 24, 2009 zu 11:03 am

    @ Chat Atkins
    Hoffen auf bessere Zeiten, um einen Stellenwechsel zu wagen? Hoffen auf einen anderen Chefredaktor, der (unentdeckte) Talente zu fördern weiss? Hoffen auf Verleger, die gute Qualität zu schätzen und zu fördern wissen?

    @ Frau Müller
    Zum Qualitätszerfall:
    Ugugu hatte hier vor einigen Tagen auf einen Radiobeitrag hingewiesen (ich glaub’ es war eine Input-Sendung), in welchem sinngemäss die folgende Aussage fiel: «Ich konnte mir den Luxus leisten, zwei Tage lang an einer Story zu arbeiten». Daraus entnehme ich: Man würde ja grundsätzlich gerne, aber man kann/darf nicht. Wie lange ob einer Sache gearbeitet werden darf, steuert nicht der/die Journalist/-in. Ich gehe jedoch davon aus, dass mehr Zeit auch bessere Qualität ist. Schreibfehler, als Beispiel, sind Ausdruck von hastig handelnden Menschen, welche nicht (mehr) die Zeit haben, das Geschriebene nochmals durchzulesen.

    Paris Hilten geht mir nun wirklich an der linken A..-backe vorbei. Mich würde vielmehr interessieren, was man in Israel auf der Strasse von der Demokratie-Bewegung im Iran hält oder was die benachbarten Iraker davon halten. Der Informationsfluss in diesen Ländern ist nicht erschwert und trotzdem hört man nichts davon. Nur: Wer steuert, ob man auch einmal darüber berichtet? Wer entscheidet, die Korrespondenten in Israel, Irak oder andernorts abzubauen, sodass man gar nicht mehr in der Lage ist, diese zu diesem Thema zu «aktivieren»?

    «Es sind die Journalisten, die danach streben, das zahlende Publikum von jeder tiefer gehenden Einsicht fernzuhalten.» Da haben wir wieder so eine pauschale Aussage, von welcher ich nun gar nichts halte. Anerkennung (darum geht es bei bei diesem Post) finden jene Artikel, welche fundiert daher kommen und in sich schlüssig sind. Abonniert wird, wovon man den Eindruck erhält, immer wieder Einsicht in Themen zu erlangen, welche man ansonsten nicht erlangt hätte. Man könnte den Spiess auch umdrehen: Wie hoch wäre die Auflage der Gratis-Zeitungen, wenn diese nicht gratis wären?

    Ich brauche hier keine Ehrrettung des journalistischen Berufsstandes zu betreiben. Ich wehre mich nur dagegen, alle pauschal in einen Topf zu werfen und dies ohne Berücksichtigung der jeweiligen Umstände (wer bestimmt, dass/ob…).

    «Journalisten sind sensible Menschen, sie reden viel und laut – aber niemals über eigene Fehler.». Herr Haberbusch wird bestimmt nicht beziffern können, wieviele der ach so sensiblen Journalisten viel reden und laut sind und zwar schon alleine deswegen nicht, weil die anderen, die, die eben nicht viel reden und nicht laut sind, im Getöse der lauteren Kollegen gar nicht erst beachtet werden.

  8. Hildebrandt sagte, am Juni 24, 2009 zu 2:54 pm

    Herr Haberbusch wird bestimmt nicht beziffern können, wieviele der ach so sensiblen Journalisten viel reden und laut sind und zwar schon alleine deswegen nicht, weil die anderen, die, die eben nicht viel reden und nicht laut sind, im Getöse der lauteren Kollegen gar nicht erst beachtet werden.

    Quoted for Truth!

  9. Tja, Hein. « Angelegenheiten sagte, am Juni 24, 2009 zu 2:55 pm

    [...] nahezu unavantgardistische Restlinks Wenig Neues: Journalisten sind abhängig von Anerkennung. Es wird eben innen wie außen mit zweierlei Maß gemessen. Der Petitionsausschuß [...]

  10. Frau Müller sagte, am Juni 25, 2009 zu 1:47 am

    @ Titus & @ Hildebrandt: Sie sind ja richtig beseelt von Ihrem Widerspruchsgeist. Aber Rebellion um des Rebellierens willens langweilt mich. Wie schade, dass Sie mit keinem Wort auf den ANTEIL eingehen, den die Journalisten am Qualitätszerfall haben. Denn dies ist der Inhalt meines Beitrages. Wie schade, dass wir nicht über die FEHLER der Journalisten sprechen, denn dies ist der Inhalt von Haberbuschs Interview. Es hätte eine interessante Diskussion daraus entstehen können. Vielleicht fällt Ihnen ja noch etwas dazu ein.

    Denn die Glaubwürdigkeit eines Journalisten kann nur bestehen, wenn dieser auch sich selbst dauernd misstrauisch beobachtet und hinterfragt.

    Ein aktuelle Frage in Deutschland ist beispielsweise: «Wie passt der Merkantilismus des Moderators zur gebotenen journalistischen Unabhängigkeit?»
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/935/472460/text/

    Behauptungen zu kontern, die niemand aufgestellt hat, ist jedoch völlig sinnlos. Niemand hat gesagt, dass auf Redaktionen nur Idioten zugange sind.

    Sie mögen keine Pauschalisierungen? Nun ich mag keine endlosen Abwiegeleien im politisch korrekten Sozi-Speak («Es kann sein, dass der eine oder andere wegen den Umständen, etc.») und ich habe Vertrauen in Ihre Intelligenz, dass sie erkennen, um was es im Kern geht.

    @ Hildebrandt: Was sind eigentlich diese Chefs von Beruf, die den Redaktionen sagen, dass sie Paris Hilton ins Blatt heben müssen? Sind das nicht Chefredaktoren oder Ressortleiter, also Journalisten?

  11. Hildebrandt sagte, am Juni 25, 2009 zu 9:00 am

    @Müllerin – Moderatoren kritischer Sendungen als Moderatoren von VIP-Talks anzuheuern, ist das gleiche, wie wenn ein Land oder eine Stadt einen Kunstpreis ausloben. Nur die standfestesten werden hier ablehnen.

    Und zur Präzisierung, oder meinetwegen auf nur um der “Rebellion” willen (kann man gegen jemanden rebellieren, der einem gegenüber gar keine Weisungsbefugnis hat?): Der ANTEIL der Journalisten am Elend ist m. E. einfach nicht so gross, wie Sie das hier darstellen. Deshalb zu Ihrer Frage: Nein, Chefredaktoren und Ressortleiter sind keine Journalisten mehr, sondern haben eine Art Unteroffiziersfunktion inne und dienen als Scharniere zwischen Verlag und Crew. Auch Unteroffiziere sind auf ein Einkommen angewiesen und deshalb gewillt, Anweisungen des Verlages umzusetzen, dafür werden sie auch höher entlöhnt als die Truppe.

    Oder war das eine Fangfrage?

  12. Frau Müller sagte, am Juni 25, 2009 zu 10:45 am

    @ Hildebrandt:
    Ich habe Haberbuschs Aussage zitiert: «Journalisten sind sensible Menschen, sie reden viel und laut – aber niemals über eigene Fehler.»
    Der Kern der Aussage liegt in der 2. Hälfte des Satzes. Sie aber verbeissen sich auf die 1. Hälfte («Herr Haberbusch wird bestimmt nicht beziffern können, wieviele der ach so sensiblen Journalisten viel reden und laut sind … «Quoted for truth»). Sie haben Recht: Das ist nicht rebellisch. Aber was ist es dann? Zwanghaft querulatorisch? Kindisch?

    Ich habe die Grösse des ANTEILS nicht angegeben, ich wollte bloss diesen Anteil diskutieren. Wenn er aber eine quantité négligable ist, wie Sie sagen, dann lohnt es sich natürlich gar nicht. Und die hehren Ansprachen von Jürgen Leinemann an Journalistenkongressen sind für die Katz. Im Gegenteil, die Journalisten und Chefredaktoren sind ja allesamt bloss Opfer der bösen Verleger, der dummen Leser und der kapitalistischen Gesellschaft. Wie bequem.

    Dann müssen wir Journalisten nicht über uns reden. Und schon gar nicht kritisch. Auf keinen Fall sollten wir so kritisch mit uns umgehen, wie wir mit andern umgehen.

  13. Bruder Bernhard sagte, am Juni 25, 2009 zu 12:21 pm

    Journalisten sind geil auf die Autorenzeile, genau. Aber auch: Journalismus findet heute in einem ganz engen Korsett statt. Deshalb werden ja normalerweise auch n Zeilen zu einem Thema bestellt. Wer da noch mit seinem guten Namen zeichnen mag, muss bis an die Grenzen der Selbstverleugnung gehen können – oder eben nur mit dem Anspruch, ‘irgendetwas mit Medien’ zu machen, in den ‘Journalismus’ geschwemmt worden sein. Journalistin/Moderatorin, Eventmanagerin, ‘bei einer Nonprofit-Organisation mithelfen’ (Miss Züri im heutigen http://www.klatschheftli.ch) – die typischen Berufswünsche, wenn Modeln nicht geht.

    Die Zeiten sind lange vorbei, als Woodward/Bernstein noch als Vorbilder und Magnet für künftige Journalistinnen galten. Leider. Ich entdecke allerdings Anzeichen eines Comebacks – dazu muss man allerdings ziemlich viel im Netz herumkurven und sich über den herbeigezwungenen Gegensatz Journalisten/Blogger foutieren, den einige ja gar in eigener Person aufheben, wie z.B. der Journalist André Marty.

  14. Thinkabout sagte, am Juni 25, 2009 zu 3:00 pm

    Nein, Chefredaktoren und Ressortleiter sind keine Journalisten mehr, sondern haben eine Art Unteroffiziersfunktion inne und dienen als Scharniere zwischen Verlag und Crew. Auch Unteroffiziere sind auf ein Einkommen angewiesen und deshalb gewillt, Anweisungen des Verlages umzusetzen, dafür werden sie auch höher entlöhnt als die Truppe.
    @Hildebrandt:
    Damit sagen Sie es selbst: Gute Nacht Journalismus. Ich nehme an, dass ich nicht nur als Leser eigentlich davon ausgehe, dass Redaktoren u.ä. der eigenen Zunft voran schreiten sollten. Und sich damit tatsächlich als Journalisten verstehen. Dass sie es nicht tun (können), ist genau das Problem, scheint mir.
    Nur so ist es auch zu erklären, dass allen Ernstes ein Herr Hartmeier das hauseigene Newsnetz als Beweis für die journalistische Qualitätstradition der Tamedia ins Feld führen konnte…

  15. Hildebrandt sagte, am Juni 25, 2009 zu 3:54 pm

    @ Frau Müller, wenn Sie sich gegenüber den Mechanismen der Marktwirtschaft blind stellen und ich dagegen einmal und dann nochmal einen Einwand erhebe, ist das sicher nicht kindisch und ich bin auch kein Querulant. Hingegen habe ich das Gefühl, dass Sie mir gegenüber einen ziemlich herablassenden Sound anschlagen; hab ich Ihnen was getan?

  16. Frau Müller sagte, am Juni 25, 2009 zu 5:21 pm

    @ Hildebrandt: Sie gehen nicht auf das Thema ein (der ANTEIL der Journalisten am Qualitätszerfall), kontern Behauptungen, die ich nicht aufgestellt habe («nicht nur Idioten sind zugange», «die Schuld liegt nicht nur beim Schreiber»), applaudieren Scharmützel auf Nebenschauplätzen («Herr Haberbusch wird bestimmt nicht beziffern können, wieviele der ach so sensiblen Journalisten viel reden und laut sind»), unterstellen mir zu schlechter Letzt noch plump, dass ich mich «gegenüber den Mechanismen der Marktwirtschaft blind stelle» – und dann fragen Sie allen Ernstes, weshalb ich verärgert bin? So unsensibel sind Sie doch nicht, oder doch?

    Ich habe geschrieben: «Journalisten reden viel über die strukturellen Ursachen und reflektieren wenig darüber, welchen Anteil sie selber am dramatischen Qualitätszerfall haben.»
    Das bedeutet: DIE strukturellen Ursachen für den Qualitätszerfall gibt es und die Journalisten reden nahezu ausschliesslich DARÜBER. Sie reden wenig über eigenen Fehler, die zum Qualitätszerfall führen.

    Mon Dieu, ich gehe jetzt besser Champagner trinken, als mich weiterhin in sinn- und lustlose Diskussionen zu verstricken.

  17. Titus sagte, am Juni 25, 2009 zu 8:01 pm

    @ Frau Müller
    Wenn die Suppe dünner und fader ist als bis anhin, dann ist natürlich der Koch daran schuld – vordergründig.

    Wenn dem Koch aber die Erbsen und den Speck vom Restaurantbesitzer (z. B. aus Budget-Gründen) vorenthalten werden, ist es ein Einfaches zu sagen, der Koch sei an der dünneren und faderen Suppe schuld. Allenfalls fordert der Restaurantbesitzer den Koch dazu auf, etwas kreativer zu sein. Das veranlasst diesen, noch eine Kartoffel der Sorte «Hilton» reinzumischen. Das ist billig und ist für jeden bekömmlich, obschon der Geschmack nicht mehr derselbe ist.

    Denkbar ist auch, dass statt drei nur noch zwei Köche in der Küche stehen. Dann bleibt dem einzelnen Koch weniger Zeit, die Suppe abzuschmecken und sie vielleicht noch fünf Minuten köcheln zu lassen…

    Sie fragen nun danach, wessen Anteil der Koch daran hat, dass die Suppe nicht mehr gleich gut schmeckt. Unter meiner Betrachtungsweise, also unter Einbezug des Restaurantbesitzers, würde ich sagen der Koch hat keinen Anteil daran. Selbstverständlich gibt es gute und weniger gute Köche, aber das hat es immer schon gegeben und gilt für alle Berufsgruppen.

    Wir können nun noch darüber diskutieren, ob der Koch die Kartoffel raffeln oder vierteln soll. Nur scheint mir das eine sinnlose Diskussion zu sein, denn der ursprüngliche Geschmack wird so oder so nicht erreicht, da ansonsten schon das Grundrezept anders lauten würde.

    Ich wünsche einen guten Appetit ;-)

  18. Thinkabout sagte, am Juni 25, 2009 zu 11:28 pm

    Während Frau Müller Prosecco trinkt, versuche ich, nochmals auf etwas hinzuweisen, was ihr, glaube ich, wichtig ist:
    In den Diskussionen unter Bloggern und Journalisten über Blogger und Journalisten und alle Medien fällt immer wieder auf, dass man sich gegenseitig und Richtung Verleger etc. die Köpfe einschlägt und über jene Dinge diskutiert, die man im Grunde nicht beeinflussen kann. Man ortet die Probleme der anderen.
    Wie wohltuend wäre mal eine Reflexion darüber:
    Wie können wir besser schreiben? Was können wir selbst unter den gegebenen Umständen tun, um bestmögliche Arbeit zu leisten? Tun wir das Mögliche? Geben wir uns nicht zu vorschnell zu viele negative Antworten?

  19. Frau Müller sagte, am Juni 26, 2009 zu 10:20 am

    @ Thinkabout: Danke für Ihre vernünftigen Worte und inspirierenden Fragen. Mich wundert, dass sich Journalisten solche Fragen kaum stellen und sich nicht an dieser Diskussion beteiligen, aber auch, dass kaum Medienkonsumenten/Blogger etc. diese Qualitätssicherung einfordern.

    @ Titus: SELBSTKRITIK ist kein Speck, sondern eine Denkleistung, die Journalisten sich unabhängig von Budgetzwängen leisten können.
    Ich kann noch mehr anfügen, das gratis und franko ist und die Qualität der journalistischen Arbeit erhöhen könnte: Haltung, beispielsweise gegenüber Angeboten, die der Eitelkeit schmeicheln; einen aufrechten Gang behalten, das geht auch, wenn man sich dem Budget beugen muss; Skepsis gegenüber den eigenen Gewissheiten und sich bewusst sein, dass alles auch ganz anders sein könnte – und ja, dass vielleicht sogar jemand recht haben könnte, der einem völlig unsympathisch ist; Leidenschaft, etwas zu ergründen und zu erklären, statt zu urteilen, zu missionieren und sich für Ideologien einspannen zu lassen.

    Viele Journalisten unterminieren die Glaubwürdigkeit ihres Berufsstandes ohne finanzielle Not, in dem sie für Homestorys posieren, mit Politikern fraternisieren, sich zum Mittelpunkt ihrer eigenen Berichterstattung machen und sich wie Cipollata-Promis gebärden, wie Roger Köppel, Roger Schawinski oder Frank A. Meyer, um nur die Bekanntesten zu nennen. Doch sind die Unbekannteren nicht minder eitel.

  20. Titus sagte, am Juni 26, 2009 zu 12:58 pm

    @ Frau Müller:
    Selbstkritik ist Selbst-Kritik und damit primär eine persönliche Angelegenheit. Ob diese generell nicht stattfindet, wie Sie das hier suggerieren, mag ich zu bezweifeln.

    Wenn sie stattfindet, dann wohl kaum öffentlich. Sie scheinen jedoch genau das zu erwarten, da sie sie ja nirgends sehen. Welche Person, welche öffentlich bekannt ist (Journalisten, Politiker, Juristen, Pfarrer, usw.), äussert Selbstkritik schon öffentlich? Wenn Sie sich selbst kritisieren, dann tun Sie das in der Regel in einem internen Rahmen.

    Roger Köppel, Roger Schawinski, Frank A. Meyer oder auch ein Peter Rotherbühler mögen vielleicht einen journalistischen Hintergrund haben, agieren aber schon längst aus einer anderen, vor allem unternehmerischen und/oder politischen Warte heraus. Sie als «Referenz-Journalisten» zu betrachten ist ebenso falsch wie wenn Sie Gölà als «Referenz-Bauarbeiter» betrachten… Deren Rolle hat sich schon lange verändert, nur schauen wir sie immer noch aus der Optik ihres ursprünglichen Berufsstands an.

  21. Frau Müller sagte, am Juni 26, 2009 zu 5:18 pm

    @ Titus: Selbstkritik im Journalismus ist also eine persönliche Angelegenheit. Das ist für mich das klügste Statement des Monats Juni!

    Zu Ihrem besseren Verständnis des Kerns meiner Aussage, der Ihnen glaub’s entgangen ist: Es geht nicht um Köppel und Co., sondern es geht darum, dass sich Journalisten (auch ganz hundskommune) mit Politikern verbrüdern und damit die Glaubwürdigkeit des Journalismus unterminieren. Was aber natürlich ebenfalls deren Privatsache ist.

  22. Titus sagte, am Juni 26, 2009 zu 7:20 pm

    @ Frau Müller
    Wenn ich von Selbstkritik spreche, dann verstehe ich darunter Kritik an dem, was ein Journalist mit seinem Artikel (ungeahnt) ausgelöst hat.

    Wenn Sie unter dem Thema «Sucht nach Anerkennung» von mangelnder Selbstkritik sprechen, dann kommt bei mir an: Journalisten sind alles gewissenlose Menschen und gehen quasi über Leichen, Hauptsache sie bekommen eine Medaille dafür und können sich dann an Parties noch als Helden feiern lassen.

    Sie meinen aber offensichtlich etwas anderes und haben nun zu einem Thema «umgeschwenkt», bei dem ich Mühe bekunde, noch einen Zusammenhang mit der «Sucht nach Anerkennung» zu finden.

    Sie sprechen inzwischen von der Glaubwürdigkeit bei zunehmender «Verbrüderung mit dem Informationsgeber». Das ist wahrlich ein spannendes Thema und ich stimme diesbezüglich Ihren Aussagen im Ansatz auch zu. Aber eben, mit dem ursprünglichen Thema hat das aus meiner Sicht nichts mehr zu tun. Und die Selbstkritik bezieht sich hier weniger auf einzelne Personen, sondern eher auf die gesamte Branche (z. B. die Abhängigkeit vom zahlenden Werbekunden, welche zu journalistischen «Eingeständnissen» führt).

  23. Frau Müller sagte, am Juni 27, 2009 zu 12:06 pm

    @ Titus: Lassen wir es bleiben. Wir reden aneinander vorbei. Sie unterstellen mir unentwegt Aussagen, die Sie sich selber aus der Tastatur gesaugt haben, verdrehen meine Worte und ziehen die Debatte auf irrelevante Nebenschauplätze. Mich langweilt es, jeder Ihrer Unterstellungen hinterherzurennen, sie zu berichtigen und wieder zu versuchen aufs Hauptthema zu kommen. Das ist ja mühsamer als ein Sack Flöhe hüten. Und die Leser ödet diese verkrampfte Auseinandersetzung bestimmt auch an. Wenn Sie den Inhalt nicht verstehen, dann fragen Sie doch einfach, wie ich es gemeint habe, statt irgendwelche Behauptungen über mich aufzustellen.

    Den Titel habe nicht ich gesetzt, sondern der Produzent, also Ugugu. Und der ist okay. Die Sucht nach Anerkennung lässt einen nämlich blind werden gegenüber den eigenen Fehlern. Und diese mangelnde Selbstkritik der Branche ist die Kernaussage meines Kommentars, der im Kernsatz zum Ausdruck kommt: «Journalisten reden viel über die strukturellen Ursachen und reflektieren wenig darüber, welchen Anteil sie selber am dramatischen Qualitätszerfall haben.» (Gefühlte 24 Mal schreibe ich das jetzt schon.)

    Selbstredend bezieht sich Selbstkritik auf den Journalismus als Ganzes und nicht auf ein Individuum, schliesslich steht die Glaubwürdigkeit der ganzen Branche auf dem Spiel.

    Ich habe auch nicht auf ein neues Thema umgeschwenkt, sondern bereits im allerersten Kommentar das Buch «Höhenrausch» von Jürgen Leinemann erwähnt, bei dem es um die Nähe und Angleichung zwischen Politikern und Journalisten geht.

    Ich hatte mir zum Thema «Mangel an Selbstriktik der Journalisten-Branche» eine Debatte erhofft. Doch offenbar besteht kaum Interesse daran zu diskutieren, welchen Beitrag Journalisten unabhängig von Budgetzwängen für die Verbesserung der Qualität ihrer Arbeit leisten könnten.

  24. Thinkabout sagte, am Juni 27, 2009 zu 12:15 pm

    @Frau Müller
    Es wird diese Debatte, hoffe ich, gleichwohl geben. Immer wieder. Auch hoffentlich mit Ihrer Hilfe: Wenn I-Net-Publikationen journalistisch erfolgreich sein wollen, wird auf Dauer gar nichts anderes übrig bleiben.
    Wenn ich daran denke, dass ich einmal Journalist werden wollte…
    Ich danke Ihnen für Ihr Herzblut.
    Und: Ich habe das Gefühl, dass Sie ganz konkrete Erfahrungen und Vorkommnisse im Kopf haben, wenn Sie Ihre Sicht schildern. Dass die nicht ausgeführt werden können, ist klar. Dass sie anderen unbekannt sind, glaube ich so wenig wie sie.
    Debatte? Es ist für mich eine der grössten Enttäuschungen meiner Begegnungen mit Journalisten, welches Unvermögen da vorherrscht, sich reflektierend in eine Debatte zu begeben. Wörtlich. Also mit Fleisch und Blut und nicht mit Standesdünkel, Strukturdebattiererei und dem Lamentieren über Verhältnisse – zu denen man damit bereits mit beiträgt, wenn auch mit zahnlosem Mund.
    gezeichnet: gefrustet, but Thinkabout

  25. Frau Müller sagte, am Juni 29, 2009 zu 4:08 pm

    @ Thinkabout: Bezüglich einer Debatte über den ANTEIL, den die Journalisten am Qualitätszerfall haben, gibt es keinen Anlass zur Hoffnung. Kritische Auseinandersetzungen darüber unter Journalisten werden stets als Kollegenschelte, Karriereneid oder Nestbeschmutzung abgetan, und das ist pfui. So schotten sich Journalisten vor jeder Selbstkritik ab.
    Mit Kritik meine ich aber auch nicht dieses hämische «Haha, falsch, wer nicht mal das richtig schreibt, hat auch sonst keine Ahnung von gar nichts», die Verunglimpfung, das Haar in der Suppe suchen, wie es in Leserbriefen und Medienblogs manchmal geschieht. Ich rede von Haltung. Haltung heisst beispielsweise: selber denken, sich weder von der Regierung, noch von der Opposition, noch von der Wirtschaft, noch von NGOs einspannen lassen für deren Interessen. Denn wer soll den Niedergang des Journalismus aufhalten, wenn nicht die Journalisten?

  26. Zwingli sagte, am Juni 29, 2009 zu 9:58 pm

    @ Müller, wenn Sie nicht immer allen erklären würden, wie unterlegen sie Ihnen sind, und Sie statt dessen mal sagen würden, wie man Haltung in Geld auf dem Konto umwandeln kann, ohne das gesamte System der Medienfinanzierung im Alleingang zu revolutionieren, fände ich das wirklich nett.

  27. Hildebrandt sagte, am Juni 29, 2009 zu 9:58 pm

    Ups, der letzte Kommentar stammt natürlich von mir, nicht von Zwingli, alter Nick von mir.

  28. Thinkabout sagte, am Juni 29, 2009 zu 11:01 pm

    @Frau Müller
    Ich bilde mir ein, dass ich genau verstanden habe, was Sie meinen. Und der Einwand von @Hildebrandt/Zwingli zeigt, wie Recht Sie haben. Der darin versteckte Vorwurf, Sie wären intellektuell überlegen, zielt völlig daneben. Hier geht es nicht um Intelligenz, sondern um ein Berufsverständnis.

    Wenn es keinen Journalismus mehr gibt, der Sachzwänge nicht nur bedauert, sondern sie hinterfragt, ja sich der Haltung erinnert, die sich solchen Zwängen wenn nötig wiedersetzt, dann ist das immer auch die Schuld der Journalisten. Nicht der anderen – sondern der von uns allen, die wir Schreiben. Wir tun gut daran, uns immer wieder zu fragen, ob wir korrumpierbar sind oder nicht. Wann und wo sind wir selbst Gefälligkeitsschreiber?
    Ich habe in der Staatskunde noch so was von der vierten Macht im Staate gehört. Damit waren die Medien und insbesondere der (politische) Journalismus gemeint.
    Wenn wir darüber nur noch bitter lachen mögen, dann ist eben genau die Haltung verloren gegangen – und der Leser auch, den man mal als interessierten Bürger hatte sehen wollen, dem man zur erleichterten Meinungsbildung verhelfen wollte.
    Und für den man eine Art Vorposten sein könnte, in der Beobachtung des gesellschaftlichen und politischen Geschehens.

    Aber ich bin hier wohl falsch, denn, wie mir ein Profi-Texter mal sagte, würde ich für jemanden, der selbst von sich sagt, kein Medieninsider zu sein, eine ziemlich grosse Klappe haben. Eben. Ich habe ja keine Ahnung. Ich weiss einfach nur, was ich als Leser lesen möchte – und wie selten das geworden ist.

  29. Thinkabout sagte, am Juni 29, 2009 zu 11:05 pm

    Nachtrag: Der Vorwurf liegt natürlich nicht darin, @Frau Müller, dass Sie intellektuell überlegen SIND, sondern dass man Ihnen unterstellt, sich dafür zu halten.

    Ich wage da gar nicht als Contra zu behaupten, ich wäre im Gegenteil dazu objektiv. Ich sage mal: Ich mag einfach Ihre Art der reflektierenden Intelligenz. Ganz einfach.

  30. Mara sagte, am Juni 30, 2009 zu 9:12 am

    Jemanden persönlich anzugreifen ist ja immer eine gute Methode sich nicht auf das Sachthema beziehen zu müssen.

    Aber die Frage von eigenem Berufsethos und der Gefahr damit vielleicht nicht mehr ein “guter” Angestellter zu sein ist doch ein Konflikt, der sich auf viele Berufe beziehen kann. Welche Risiken verschleiern Banke, und wie weit geht der Angestellte im mittleren Management noch mit. Gibt man jedem Wunsch eines Mandanten nach, auch wenn man weiss, dass ein unethischer Vertrag dabei rauskommt…

    Mit etlichen Abstrichen an den eigenen Masstäben kann man in vielen Jobs mehr Geld machen, mehr LeserInnen finden, mehr Mandanten ansprechen, in der Karriere hochsteigen.

    Wenn heute über Banker, Rechtsanwälte, Journalisten gelächelt wird, wenn sie z.B. das Wort Verantwortung in den Mund nehmen, dann liegt das auch daran, dass diesem gepriessenen Masstab selber nicht entsprochen wird. Man kann dann auf systemischer Ebene den Kunden die Schuld geben, weil sie genau diese Art von Dienstleistung wünschen – und sich auf individueller Ebene Gedanken machen, ob man da selber mitmachen möchte.

  31. Frau Müller sagte, am Juli 1, 2009 zu 5:38 pm

    @ Zwingli/Hildebrandt: Sie fühlen sich mir unterlegen? Eine reizvolle Vorstellung, ich geb’s zu ;-) – und doch lag es nicht in meiner Absicht, dieses Gefühl in Ihnen auszulösen. Sie missinterpretieren meine Worte, sowohl auf der Objekt- wie auch auf der Metaebene.

    Sie fragen, wie man Haltung in Geld auf dem Konto umwandeln kann. Doch Haltung ist keine Budgetfrage. Auch während einer Wirtschaftskrise kann man Selbstkritik üben, das eigene Verhalten reflektieren und eigenverantwortlich handeln. Es kostet nix und es schadet nix. Ob es auch finanziell etwas bringt, wie Sie fragen, kann ich nicht in Franken beziffern.

    Ich vermute jedoch, dass «Kopfjägerjournalismus» den Verleger enorm viel Geld kostet und die Abonnenten zu Hunderten flüchten, wie damals nach der Borer-Affäre oder gestern die Geschichte über die Sozialamts-Mitarbeiterin.

    In meinem Bekanntenkreis haben fast alle das Tagi-Abo gekündigt. Nein, nicht um Geld zu sparen, nicht weil News gratis zu haben sind, sondern weil die Lektüre sie nur selten sättigte. Weil sich beim Lesen immer häufiger Langeweile einstellte wegen der postpubertären Bellevue-Seite, der undifferenzierten Nahost-Berichterstattung, wegen dem Trash, der Einzug hielt, weil der Tagi völlig unkritisch ist gegenüber links-grünen Akteuren.

    Heribert Prantl, Journalist bei der Süddeutschen, schrieb in einem Artikel über Pressefreiheit: «… schlimmer als Cicero-Razzien sind die geistigen Zwangsjacken, die sich der Journalismus selber anzieht: Zu beklagen ist eine Tendenz zur Vermischung von Information und Unterhaltung. Zu beklagen ist die Vermischung von Journalismus und PR. Zu beklagen ist die Verquickung von Journalismus und Wirtschaft – die Tatsache also, dass sich immer mehr Journalisten zu Büchsenspannern und Handlangern von Wirtschaftslobbys machen lassen. Mittlerweile gibt es Medienpreise für “Kritischen Journalismus”. Kritischer Journalismus – das sollte eigentlich eine Tautologie sein, ist es aber nicht.»

    Ob man sich von der Wirtschaft (oder Hilfswerken, Politikern, Experten, etc.) einspannen lässt oder nicht, ist eine Frage der Haltung und nicht des Geldes.

    @ Mara & Thinkabout: Danke für Euere klugen Kommentare. «In dem Masse, wie der Wille und die Fähigkeit zur Selbstkritik steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern.» schrieb Christian Morgenstern. Vielleicht ist die Kritik mancher Journalisten an anderen Branchen deshalb so undifferenziert, weil sie keinen Willen zur Selbstkritik haben.

  32. Hildebrandt sagte, am Juli 2, 2009 zu 3:36 pm

    @thinky; ich mache niemandem einen Vorwurf daraus, mir überlegen zu sein. Ist auch gar nicht schwierig, bilde mir da nichts ein.

    @ Müller; mit Ihrer Sicht des Tagi stimme ich überein; lese ihn nur noch aus rituellen Gründen.

    @ all; sieht denn von euch niemand ein, wie sinnlos es ist, vom Journalisten zu verlangen, er soll weniger pöbelhafte Produkte machen? Der Journalist ist Angestellter, Employee -> “Verwendeter” und nicht Entscheider oder Besitzer des Produktionsmittels. Der Pöbel hat die Regentschaft übernommen, sein Szepter ist die Maus, mit der er Müllstoffe in den “meistgelesen”-Charts nach oben klickt. Analyse und Kritik wurden schon länger systematisch und weitestgehend unter Druck gesetzt; dafür brauchte es aber kein Web, sondern nur potente Anzeigenkunden, die mit Abzug ihres Geldes drohten. In der Schweiz ist das ein todsicheres Mittel. Und das “Eingespanntwerden” ist sehr wohl eine Haltung des Geldes, wenn der Verlag Ihnen sagt, dass Sie entweder so oder so können – wo wollen Sie hin, wenn Ihnen wegen Befehlsverweigerung gekündigt worden ist? Ich bitte doch nur, die Konsequenzen Ihrer legitimen Wünsche bezüglich eines Journalismus, den es so nur noch bei der WoZ geben kann, zu ende zu denken.

  33. [...] Vielleicht sollte FAM nicht immer nur mit seiner Bibliothek angeben, sondern sie auch wieder mal konsultieren. Ich gehe nämlich jede Wette ein, besitzen täte er diese Bücher…. [...]


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