«Zu wenig dumm und zu wenig gescheit»
Alter schützt vor Klugheit nicht. Die «Grand Old Edelfeder» des Schweizer Journalismus hat in der «Zeit» eine entzückende «Pièce de résistance» über eine aussterbende Gattung (sog. Vollblutjournis) aufs Parkett gelegt.

Muss das letzte Mal gewesen sein, dass eine hiesige Schreibkraft eine Story in einem Produkt der hiesigen Industrie wert war, oder?
[...] (via Journalistenschredder) [...]
das böse böse internet ist doch hier wieder mal die platte, eigentlich. kein wort davon, dass sich die schreibende zunft praktisch null mit dieser neuen technologie auseinandergesetzt hat und vor allem darum jetzt ziemlich blöd dasteht. von keinem dieser edelfedern habe ich den eindruck, dass die wissen was ein trackback oder ein permalink ist, was verlinkung eigentlich bewirkt und was der rückkanal für ein potential hat. und so schreiben sie aufsatz für aufsatz ohne zu wissen worüber. eine tragödie.
die autorin dürfte in diesem jahr das 72 lebensjahr überschreiten oder überschritten haben. insofern bin ich da etwas nachsichtig. vor allem prügelt sie nicht plump auf das internet ein, zumindest interpretiere ich das so, sondern sagt lediglich, dass der nachwuchs eben quasi zum wikipedia-abschreiben verdonnert wird. verleger sehen das internet eben in erster linie als kosteneinsparfaktor. ist es aber nicht. ein vernünftiges live-blog über die aktuellen unruhen im iran bsp.weise braucht personelle ressourcen, und im idealfall mindestens eine person, welche den iran nicht nur vom hören sagen kennt. siehe guardian, huffington post etc. etc.
oh, schon so alt ist die gute, na dann… ist natürlich alles okay. resp. fast alles. dass die jüngeren, so um die 40jährigen journalisten es einfach auch nicht gepackt haben mit dem netz, sollte sie ja zumindest aufhorchen lassen. sie hat ja schliesslich auch den übertritt vom bleisatz zum fotosatz und dann zum desktoppubishing geschafft. und sie sollte von damals her wissen, dass sich eine ganze branche einer neuen technologie nicht einfach verschliessen kann. was übrigens in anderen metiers, wie etwa der maschinenindustrie oder reiseindustrie oder was auch immer, das selbe ist. ein guter mechaniker muss heute auch nicht mehr einfach eine drehbank bedienen, sondern einen computer.
@bugsierer & ugugu:
ev. ist’s nicht ne frage des alters, sondern der beweggründe, weshalb einer schlosser, fischverkäufer oder eben journalist geworden ist. um aus der schule resp. aus dem journalismus zu plaudern: kriege gefühlte zwei mal pro monat post von interessierten jungen leuten, die gerne journalist, am liebsten gleich auslandskorrespondent, werden möchten – zu einem überwiegenden teil mit der begründung: „Medien sind geil“. hätte jemand das vor zehn jahren zu mir gesagt, hätte ich gelacht – heute ist’s zum weinen, weil mehrheitsfähig geworden.
und das, denke ich, meinte die grosse dame des einstigen journalismus
@ André: Medien sind nämlich nicht geil – sondern die größte Sackgasse, in die ein junger Mensch derzeit hineinstolpern kann. Weil es zwar weiterhin ein Pendant zum werten Berichterstatter geben wird (vermute ich jetzt mal), wozu dann aber Medien gar nicht mehr zwingend erforderlich sind. Es geht auch ohne ‘Mittler’, denn nur die Information ist im Kern eine Ware, nicht das Portal oder der Titel auf dem bedruckten Papier, sei es ‘Spiegel’ oder ‘NZZ’ – allen Branding-Knallköpfen zum Trotz.
Bleibt die Frage, wer bezahlt uns dann den Tanz der Tippfinger auf der Tastatur? Der gute Gott des Idealismus, der auch die Lilien auf dem Felde … ?
Also, wer schützt zunächst einmal den Nachwuchs, indem er seine altmodischen Träume platzen lässt – von einer Medienwelt, die es längst nicht mehr gibt?
@Chat Atkins:
falls dem so wäre, wie Sie bloggen, dann können sie uns sicher auch erklären, weshalb das Vernetzen des Netzes einfach nicht funktionieren will. Und Sie können mich ach’ so altmodischen bloggenden Journalisten sicherlich auch aus der Sackgasse führen in Sachen Medien als Teil des demokratischen Meinungsbildungsprozesses – und sagen Sie mir jetzt bitte nicht, die Bloggerei werde auch in Westeuropa schon bald, bald public opinion beeinflussen, gell. Denn Sie wissen zu gut, dass dem nicht so ist, zu recht oder unrecht.
@ André: Blieben die Medien bloß, was sie zu sein behaupten, nämlich Qualitätsmedien, dann müsste uns trotz der Absatz- und Werbekrise um ihre Zukunft nicht ganz so bange sein. Stattdessen aber wird ihnen derzeit von den Verlegern – die Rendite fest im Blick – alles, was etwas kostet, ausgetrieben: Reportage, Recherche, Stil, Autoren usw. Das Publikum sieht diesen Verfall des Journalismus und nachfolgend der massenmedialen Öffentlichkeit – und es rennt mit Grausen davon, je jünger, je öfter. Winnenden gab hierbei nur einen neuen Schub.
Printhausen wird doch nicht wegen des Netzes allmählich zur Geisterstadt, da muss sich der hochweise Rat der Stadt schon mal selbst an die eigene Nase fassen und auch die Art betrachten, wie er durch den wachsenden Einfluss einer sachfremden Berater- und Ökonomenzunft die Bevölkerung aus den verlagseigenen Hütten vergrault. Dies vorab.
Wer sagt, dass es im Netz nichts zu finden gäbe, der kennt schlicht das Netz nicht, weil er sich nicht über jene Links hinwegtraut, auf denen steht „Ich bin ein armes, etabliertes Medium in den Weiten des Zwischennetzes. Hier sind Sie noch sicher – but beyond me you’re leaving the british sector“. Dann käme nämlich der informationelle Kommunismus. Dass die ÖR- und Print-Ableger im Netz im allgemeinen die gleiche Einheitssoße über jede Nachricht klatschen, die schon offline nicht gerade für Begeisterungsstürme sorgt, dass deswegen alle nahezu gleich aussehen und die Leute beim zweiten Anblick des Ewiggleichen sich dann langweilen und das Lokal wechseln, das gestehe ich Ihnen gern zu. Mangelnder Zuspruch ist – so sehe ich das – vor allem ein Problem der Massenmedien im Netz. Wer ‘Spiegel Online’ gelesen hat, braucht den ganzen Abklatsch davon nicht auch noch lesen, es sei denn, er will seine Zeit verschwenden. Anders ausgedrückt: Ein einziges etabliertes Nachrichtenportal ist genug, mehr braucht kein Mensch – jedenfalls solange weiterhin die anderen alle das Gleiche schreiben und den Konsens pflegen …
Wieso überhaupt soll das ‘Verlinken’ des Netzes nicht funktionieren? Diesen, Ihren Einwurf verstehe ich nun gar nicht. Das Netz ist doch geradezu die massenhafte Verlinkung höchstselbst – ohne das gäbe es ja überhaupt kein Netz. Und zweifellos ist das Netz dort draußen vorhanden. Q.e.d.
Beispiel: Meine zwei Blogs kommen als Ein-Mann-Show derzeit jeweils auf ein Google-Ranking von 5 – das ist zwar nicht doll, aber „unverlinkt“ kann man das auch nicht nennen, konkret heißt das, dass am Tag ungefähr 1.000 dieser berüchtigten ‘Unique visitors’ vorbeigucken. Vielen anderen geht es ähnlich wie mir, und auch die ‘Großen’ tummeln sich nicht weit entfernt – nur zum Vergleich: Niggemeier oder der Spiegelfechter kommen auf ein Ranking von sechs, der ‘Stern’ als großes Holzmedium vergleichsweise auf ein Ranking von sieben. Das heißt, dass ich mit meinen beiden Ein-Mann-Würstchenbuden schon mal gratis und franko mehr Zauber veranstalte, rechne ich es auf den Pro-Kopf-Output von Schreiber/Leser um, als manches vielköpfige Verlagsunternehmen im Netz zu erzielen vermag, das mit 20 oder 30 schreibenden Figaros seine Newswelt von dpa zu beziehen pflegt.
Von der eigenen Unverlinktheit auf eine generelle Unverlinktheit des Netzes zu schließen, ist jedenfalls eine durch fünf Bullenmägen fermentierte Grasnahrung … schließlich sind es die ‘professionellen’ Medien im Netz selbst, die es bis heute nicht schaffen in ihren Texten vernünftige Verlinkungen ins Netz hinein zu setzen. Dann stünden sie einerseits besser da – aber andererseits würden wir am Ende gar sehen, wo sie ihre Weisheit mit Löffeln essen – und dass auch die sagenhafte journalistische Rechercheleistung mehr ein selbstreferentieller Mythos für Erstsemester ist als ein Faktum, weil jeder Link den Leser dann direkt an die Quelle führt. Sich selbst nicht vernetzen wollen, aber über mangelnde Vernetzung jammern, das geht jedenfalls nicht zusammen …
Nachtrag: Schau dir das doch mal an, André …
Was deutsche Verlage und Sender noch nicht verstehen wollen
@chat: Aber deswegen verdienen Sie doch trotzdem nicht genügend Geld, um z.B. eine Familie zu ernähren. Trotz der Verlinktheit. Ich glaube, André gings darum.
@bugsy: Das ist doch ein eigenartiger Reflex, immer gleich Netzeuphorie anzumahnen, wenn sich jemand ganz allgemein mit Medien und deren Inhalten beschäftigt. Chat hat insofern recht, dass die Nachfrage nach hochklassigen Inhalten heute von Blogs befriedigt werden könnte, aber nicht entsprechend entlöhnt.
Die Umvierzigjährigen Journalisten packen es im übrigen vermutlich nicht, weil die „Kindersoldaten“ für den Job eben einfach geeigneter sind, da sie weniger kosten und sehr leicht savvy werden und „Medien geil“ finden.
Die Angst vor dem Web ist insofern berechtigt, denn und hier komme ich wieder auf die Ernährung einer Familie zurück; als Blogger hat man ja keine Chance auf ein Leben, wenn man täglich 1000 Unique Visitors zufriedenstellen und zu regelmässigen Besuchern machen möchte. Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre …
[...] hatte ich den folgenden Text als einen Kommentar geschrieben, drüben in Ugugus Blog. Da der Beitrag mir aber recht gut gelungen ist, weil er viele Punkte meiner Klagelieder [...]
@ Hildebrandt: Nun ja – ich verdiene mein Geld schreibend, aber nicht hauptsächlich mit dem Journalismus, das ist sicherlich richtig. Der Journalistenzunft ergeht es derzeit recht ähnlich wie den Arcandor-Mitarbeitern, über die sie bisher nur ihre Artikel schrieben. Der Ausweg: 1. An seinem ‘Stil’ arbeiten und sich mit ‘narrativem Journalismus’ in einen Autor verwandeln, der auf Grund seiner (neudeutsch) „Uniqueness“ nicht ohne weiteres ersetzt werden kann – und der deshalb weiterhin ausreichend bezahlt wird (s. Wiglaf Droste, Niklaus Meienberg usw.) 2. Einfach keine Familie gründen, sondern auf den Fundamenten des Restjournalismus ein unstetes Vagantenleben im akademischen Proletariat führen – zum Beispiel als dürftig bezahlter Content-Produzent 3. Den Beruf wechseln – also hinein in Werbetext, PR, Schriftstellerei, Schreibschulung oder aber auch in ganz was anderes … Weiteres fällt mir nicht ein. Der Setzer starb ja auch in dem Moment aus, als der MacIntosh auf den Markt kam …
@hildebrandt: ich mahne nirgendwo eine art netzeuphorie an, ich stelle nur fest, dass sich weiteste teile dieser branche (ist übrigens z.b. in der werbung genau so) mit der neuen technologie nicht befasst haben, dass sie sie deswegen nicht verstehen und sich darum nicht vorstellen können, wie das ganze wirklich funzt und welches potential das netz hat. beispiel: ich behaupte mal kühn, dass 90% der journalisten z.b. dienste wie rivva.de nicht kennen und ergo keine ahnung haben, wie solche dienste eigentlich funktionieren. oder: wenn ich mir in den letzten tagen anhöre, was in den holzmedien alles über twitter verzapft wird (wegen #iranelection), dann stelle ich fest, dass praktisch keiner dieser schreiber wirklich bescheid weiss.
sich von einem blog allein ernähren zu wollen ist etwa genau so naiv, wie dies als germanys next super dings zu wollen. man muss als autor seinen horizont erweitern und in mehreren disziplinen wirken. wäre ich als werbetexter nicht auch einigermassen fit in marketing, gestaltung, mediaplanung, einfache webseiten bauen, naming, branding, produktion (z.b. abwicklung von drucksachen), pr und was weiss ich alles – ich würde verdursten.
@chat: dein vergleich zwischen deiner würstchenbude und den grossen medienhäusern in sachen pagerank bringt es auf den punkt. dazu eine ähnlicher vergleich von meiner wenigkeit:
mit dem suchbegriff „bugsierer“ (mein nickname im blog) gehört die ganze erste seite bei google mir. mit meinem richtigen namen „christian röthlisberger“ bringe ich es immerhin auf die ersten fünf treffer – der tagesanzeiger gerade mal auf sechs.
@ Chat Atkins:
auf die Gefahr hin, dass Sie mir nochmals laaange laaange erzählen, was für ein toller Würstchenbuden – Betreiber Sie doch sind, möchte ich meine Frage wiederholen: Was tragen Sie als Blogger zum demokratischen Meinungsbildungsprozess bei? Falls das kein Kriterium mehr sein sollte , z.b. für social medias, dann erübrigt freilich auch der Blogger – Galopp. Und gell, das Kriterium wird ja hoffentlich nicht Klicks sein, wenn ich Vernetzung meine; oder fällt darunter etwa das Stichwort Qualität?
Sehen’s, werter Chat Atkins: als Familien-Vater und über 40jähriger Journalist empfinde ich Ihr ziemlich nahe am Abrund des arroganten Besserwissertums segelndes Journalisten-Levitenverlesen irgendwie ja ganz amüsant – soll ja durchaus selbstkritische Journalisten geben. Aber was wünschen’s denn nun von den Verlagen: Leute wie Sie anstellen ja wohl kaum, oder?
(Damit Sie mich bitte nicht falsch verstehen C.A.: Es geht hier weder um Sie noch mich als Person; dafür sind wir schlicht nicht von genügender Relevanz. Irgendwann einmal möchte ich halt einfach etwas mehr als das übliche bloggersche Journalisten-Bashing lesen, darum geht’s – denn der ernüchternd schnelle Niedergang der Medienwelt wirft demokratie-bezogene Fragen auf)
@andré
Per Definition trägt JedeR, der/die sich am Diskurs beteiligt zum demokratischen Meinungsbildungsprozess bei. Und wie das Wort demokratisch schon in sich trägt gibt es keine theoretischen „mehr“ oder „weniger“ bzw. Experten/Oligarchenattitüden sind mangels Messbarkeit von Relevanz fehl am Platz. Dabei können Blogger dabei eine Funktion aussüben, die einen ganz besonderen Vorteil gegenüber Journalisten in Lohn und Brot haben, sie sind unabhängig – und sie können sich so viel Zeit nehmen wie sie wollen um ihr Thema auszubreiten. Die Frage der Verteilung ist dann ein Rezepientenproblem.
Aber die Frage der Relevanz ausgerechnet vom Medium Fernsehen aus zu stellen, find ich noch interessant. – denn wieviel trägt heute noch ein kommerzialisiertes Unterhaltsungsmedium wirklich zur politischen Meinungsbildung bei?
@bugsy, ich bin gerade in der situation, dass ich gerne mit einer werbeagentur, die savvy ist, für ein holzmedium eine web-initiative realisieren möchte, die in der schweiz ziemlich neu wäre. aber die finanzierung funktioniert nicht … seufz!
aaber: Journalisten, die bloggen und sich selbst vermarkten und nebenher noch singlehandedly die demokratie retten sollten, von diesen supertypen wird es ohne genetische aufbesserung im stil von dr. bashir aus ds 9 so bald nicht genügend geben.
@andre: Ich möchte auch gern mal mehr als das ewige Holzmedienbashing lesen. Aber es scheint halt schwer zu sein, über was anderes zu schreiben. Eine Familie könnte da helfen
@mara. Bloggen ist eben keine Beteiligung am Diskurs. Jedenfalls nicht in der Schweiz. Sehen Sie sich doch mal die „erfolgreichen“ Blogs in der Schweiz an. Das ist Selbstbespiegelung ohne Ende, mehr oder weniger intelligent, aber sicher nicht relevant. Und dass Expertenmeinungen gleich Oligarchenmeinungen sein sollten, finde ich eine Äusserung von grösster Bedenklichkeit. Diese Miliz-Romantik führt direkt in den politischen Untergang bzw. zum Erfolg von 20 Minuten.
@hildebrand
Vielleicht lesen wir sehr unterschiedliche Bloggs? Dieser Blog hier ist ein sehr wohl sehr gutes Beispiel für einen Diskurblog – themenbezogen natürlich, aber das ist ja auch nicht ausgeschlossen. Und wann fängt etwas an relevant zu werden – und für wen? Alles was Stimmverhalten beeinflust (und sei es nur das eigene) ist relevant.
Die Assoziation Experten/Oligarchen mit Milizenpolititk ist eine sehr schweizerische Perspektive. Man kann es auch anders ausdrücken. Im politischen Diskurs gibt es eine zunehmende „Experten“-gläubigkeit – Demokratie lebt aber gerade davon, dass möglichst alle mitdiskutieren – und die meisten die Entscheidung tragen können. Man kann über 20 min und co denken was man will, selber les ich die auch nicht, aber es nützt eben nicht so zu tun, als wäre dieser Informationskanal irrelevant.
Und dann gibt es natürlich auch den zunehmenden Einfluss von soft law, einem Bereich der völlig der demokratischen Kontrolle entzogen ist…
Abgesehen davon find ich es schon erschreckend genug, wer manchmal so als Experte befragt wird, da ist nicht mehr Expertise das credo sondern Prominenz.
@ André: 1. Ich betreibe kein ‘Journalistenbashing’, ich berichte schlicht, was derzeit in den Medien abläuft. Sie alle erleben es doch Tag für Tag – ‘the days of wine and roses are gone’. So lange daher alles weiterhin so abläuft, wie ich es beschreibe, gibt es auch keinen Grund mich ‘wegen Arroganz’ seltsamerweise auch noch von oben herab abzukanzeln (apropos, woran ist Ihre Kanzel dort oben eigentlich befestigt, außer an Ihrer Einbildung natürlich?). Sprachlich jedenfalls scheinen Sie mir nicht gerade zu den Meistern zu zählen. Sie dagegen leugnen alles das, was derzeit in den Verlagen abläuft, oder aber Sie möchten, dass darüber zumindest nicht so laut gesprochen werde. Sehr demokratisch im Sinne einer Meinungs- und Willensbildung ist das schon mal nicht. Im Kern verfahren Sie elitär – schlechte Neuigkeiten aus dem eigenen Rennstall sind wohl nur für einen kleinen Kreis Eingeweihter bestimmt.
2. Dass der „demokratische Willensbildungsprozess“ jemals durch die Presse befördert worden sei, das ist auch solch ein unausrottbarer Mythos der Journalistenzunft. Ich kenne persönlich noch Zeiten, lange vor jedem Bloggertum, wo ‘Gegenöffentlichkeit’ erst einmal geschaffen werden musste, um gegen die Fronde aus etablierter Geldmacht und mit ihr verfilztem Journalismus überhaupt noch etwas zu bewegen. Bloß weil ihre Berufsgenossen Anno Camembert im Falle Dreyfus ausnahmsweise richtig lagen, müssen Sie nicht heute noch mit längst verwelktem Lorbeer wedeln. Denn faktisch riecht es historisch bei Journalistens eher nach alten Socken. Im Großen und Ganzen war die Presse im Kaiserreich wie unter Hitler wie auch unter einer modernen Plutokratie vor allem immer eins: Sie war willfährig. Heute im Sinne einer ‘repräsentativen Demokratie’, wo die Interessen ‘repräsentativer’ Lobbies auf dem Bildschirm auftauchen müssen, die dann schon besser wissen als der Demos, was gut für den Demos ist. Lesen Sie lieber mal Karl Kraus über das flächendeckende ‘Mausitum’ des Journalismus, lesen Sie Hans Fallada, lesen Sie Tom Wolfe, lesen Sie Stefan Heym, lesen Sie Journalistenbiographien (aber bitte nicht die Festschriften): Meinung wird gemacht!
3. Bloß, weil es auf der Welt hie und da mal eine Politkowskaja gibt, da ist ein Hans Habe oder ein Franz-Josef Wagner doch noch nicht salviert. Deren Charakter aber prägt die Masse im Journalismus weit eher als ein wohlduftender Heinrich Heine …
Also kommen Sie hier mal wieder herunter von Ihrem Maulwurfshaufen! Ihre Thesen stützen sich im Kern auf zwei Dinge: Auf einen müffelnden Haufen alter Mythen und selbstgestrickter Fabeln vom ritterlichen Journalismus, seine edle Funktion in der Gesellschaft – und auf die Tatsache, dass Sie jemand einstmals tatsächlich angestellt hat. Und mich – ätschbätsch! – nicht.
Und natürlich auch auf die Tatsache, dass so, wie ich hier Ihnen etwas hinter die Ohren schreibe, Sie mich natürlich auch niemals anstellen würden (ich Sie übrigens auch nicht). So bin ich also – snief! – für Ihr Verständnis einer bewährten demokratischen Willensbildung nicht zu gebrauchen. – - – Sehen Sie, so schließt sich dann der Kreis um die Wagenburg Ihrer ‘geschlossene Demokratie’, deren Bulletins Sie hier verbreiten. Und so spricht ein Wolf zum Hofhund …
@ Chat Atkins:
dreschen Sie ruhig weiter auf die Journalisten ein (Sie können, der Einfachheit halber, aber auch gerne mit mir weiterfahren, dem eingebildeten Typen, der es wagt, Super-Blogger Chat Atkins Arroganz und rüppelhaftes Schnoddern vorzuwerfen) – damit auch möglichst viele Blog – Leser mitbekommen, wie Bloggen nicht laufen sollte, falls irgend jemand Ihresgleichen inhaltlich ernst nehmen sollte:
- Demokratie hat nichts mit Medien zu tun? Na bravo
- Presse war immer willfährig? Na super
- Blogger und Journalisten verharren im geistigen Schützengraben ? Toll
- Jahrzehntelanges Zeitungslesen, Radio hören, TV glotzen, alles sinnlos gewesen? Uups
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Was, oder besser: Wem um alles in der Welt soll es nützen – ausser dem eigenen Ego – permanent auf Fehler der Verleger und Medienmacher hinzuweisen, aber ausser einem netten Link auf irgendwelche Vorträge keine Ideen zu präsentieren?
Glaubt denn im Ernst noch irgend jemand, innerhalb der Medienbranche würden ausnahmslos alle nach wie vor „Augen-zu-und-durch“ spielen?
Denkt irgend jemand tatsächlich, Bloggen als individuelles Sammelsurium mehr oder weniger origineller Texte und Textchen sei ein inhaltlicher Ersatz für den dramatischen Niedergang des politischen Journalismus?
Warum kommen keine tragfähigen Portale zustande, um dem serbelnden Journalismus Inhalt entgegen halten zu können?
Vielleicht gib’ts statt dem nun wirklich zur Genüge zelebrierten Hau-den-Journalisten ein paar Blogger und Kommentatoren, die’s eher zukunftsorientiert und mit Gehalt angehen wollen. Vielleicht gehört die Zukunft der Kommunikation aber tatsächlich den bloggenden Mussegängern – dann ab zu Chat Atkins.
Ich geb’s bald auf – wenn mir hier ständig Antworten auf Aussagen zurückposaunt werden, die ich nie von mir gab. So wird das kein Dialog, sondern eine verbale Flohjagd. Ich versuche es letztmalig mit Ihren vier Punkten dort oben:
1. Natürlich hat Demokratie etwas mit Medien zu tun – wo hätte ich etwas Gegenteiliges gesagt? Nicht nur Demokratien übrigens, auch Diktaturen sind auf Medien angewiesen. Medien stellen generell den Konsens oder den ’sinngebenden Kitt’ her, der Gesellschaften zusammenhält. Die demokratischen Massenmedien schafften dabei lange Zeit jene „formierte Öffentlichkeit“ (ein Buchtitel übrigens der INSM), die dann dafür sorgte, dass Wirtschaft und Parteienmacht ‘wie gewünscht’ funktionieren konnten. Jetzt gibt es neue Mikromedien, die wesentlich dissonanter sind und „plurale Öffentlichkeiten“ bewirken: Jedem sein eigenes Medium! Was das für Folgen für diese bisher verhältnismäßig reibungslos und journalistisch gelenkte Demokratie haben wird – ja, bin ich denn ein Prophet?
2. Sie müssen mir – bei allem Dissens – meine Worte nicht verdrehen: Presse war „vor allem immer eins: willfährig“ – das habe ich im Wortlaut geschrieben. Dazu muss ich auch nicht ins Dritte Reich zurückkrabbeln, FOX TV genügt mir oder die BILD-Zeitung oder die ‘embedded journalists’ im Irakkrieg oder der gewöhnliche Wirtschafts-, Auto- und Reisejournalismus. Hilfreich wäre auch der Blick ins heutige China, wo auf einen oppositionellen Journalisten 10.000 eingenordete Journalisten kommen, die gern und freiwillig bei den zahllosen Staats- oder Parteimedien arbeiten, die in der Folge alle ‘Sprachregelungen’ brav nachplappern wie die Automaten, vielleicht sogar daran glauben. Oder wären das in Ihren Augen gar keine Journalisten? Journalismus ist doch keine Oppositionsbewegung – siehe den Iran heute! Die einheimischen Medien jubeln dem mächtigen Ajatollah zu – und die ausländischen trauen sich nicht vor die Tür (was ich an deren Stelle übrigens auch nicht tun würde). Nachrichten gibt’s derzeit allein von den Mikromedien derer, die den Kopf hinhalten. Meinen Sie denn, der ‘Völkische Beobachter’ oder die ‘Prawda’ hätten sich damals von allein mit Text gefüllt? Oder das seien gar keine Journalisten gewesen, die dafür geschrieben hätten? Die Presse besteht doch nicht nur aus der NYT …
3. Dass Blogger in irgendwelchen ‘Schützengräben verharren’ habe ich an keiner Stelle gesagt, da lutschen Sie schlicht an den Tatzen – und Sie reden ohne jede belastbare Referenz ins Blaue hinein: Journalismus wird in Zukunft anders sein, er wird vermutlich auch schlechter bezahlt sein, so dass vor allem Masochisten und Idealisten diesen Beruf noch ergreifen, was das Zynikeraufkommen – schätze ich jetzt mal – endlich etwas verringern dürfte. So weit alles d’accord’. Der Journalist wird sich in Zukunft vor allem aber auch mit Bloggern, sogar mit Figuren wie mir, im Dialog auseinanderzusetzen haben. Allerdings wohl nicht in dem pädagogischen Ton, den Sie mir hier vorschlagen.
4. Was das verborgene Argument bei Ihrem „jahrzehntelangen Zeitungslesen“ sein soll, bleibt vermutlich Ihr Geheimnis. Jedenfalls habe ich nie behauptet, dass so etwas ‘umsonst’ gewesen sein soll. Die Zeitungslandschaft hat sogar massenhaft Weltbilder geprägt, Attentate verursacht, Spenden eingeworben, Menschen in Schützengräben gejagt, Millionen zu Lady Di’s Grab pilgern lassen, Minderheiten zu Prügelknaben gemacht – es geschah dies alles zum Guten wie zum Schlechten. Es kommt im Kern immer darauf an, welche Zeitung und welchen Journalisten man liest. Ich schätze zum Beispiel Joseph Roth, in meinen Augen ist dies bis heute der größte Journalist deutscher Zunge. Nicht zufällig war er zugleich Schriftsteller …
Journalisten sehen sich in ihrer Phantasie gerne auf der Tribüne des Weltgeschehens hocken, wo sie unbeeinflusst und strikt der Wahrheit verpflichtet die Ereignisse protokollieren und diese Informationen an urteilsfähige, mündige Bürger weitergeben um den demokratischen Meinungsbildungsprozess zu stärken.
Wer ein solch kitschiges Selbstbild malt, muss zwangsläufig scheitern. Zumal es wohl keinen anderen Beruf gibt, bei dem die Selbstwahrnehmung und die Fremdwahrnehmung derart auseinanderklaffen wie beim Journalisten.
Wenn Journalisten hin und wieder mit erwachsenen, gebildeten, politisch interessierten und informationshungrigen Menschen sprechen würden, dann müssten sie feststellen, dass sie ein massives Glaubwürdigkeitsproblem haben. Die wenigsten Bürger hoffen, in einer Zeitung oder im Fernsehen die Wahrheit zu finden. Sie vertrauen den Journalisten nicht mehr. Und gibt es dafür nicht gute Gründe?
Journalisten reden viel über die strukturellen Ursachen und reflektieren wenig darüber, welchen Anteil sie selber am dramatischen Qualitätszerfall haben. Dass es im Journalismus einen Trend in Richtung Boulevardisierung, Personalisierung und auch Skandalisierung gibt, wird ja überall beklagt, sogar unter selbstkritischen Journalisten. Doch wirklich gefährlich ist, dass Journalisten – genauso wie die Politiker! – in ihrer Sucht nach Anerkennung, Bestätigung, Lob und ihrem Bedürfnis weithin sichtbare Abdrücke der eigenen Existenz zu hinterlassen, die Bodenhaftung und den Wirklichkeitssinn verlieren.
Hat man früher noch die Politiker mit Häme übergossen, die sich in der «Gala» im Swimming Pool ablichten liessen, an Casting Shows teilnahmen und als Latexlady verkleiden, so findet man heute in jeder Ausgabe der Schweizer Illustrierten eine Homestory mit Journalisten und ihrer Familie.
Der Politjournalist Jürgen Leinemann hat nicht nur mit den Politikern schonungslos abgerechnet («Höhenrausch»), sondern auch mit seiner eigenen Zunft: «Journalistische Freiheit wird viel weniger durch obrigkeitsstaatliche Pressionen bedroht als durch die weiche Knechtschaft einer eitlen Selbstverliebtheit der Journalisten.»
andré marty googeln – er hat aber auch einen Langen. Weiss jetzt grad nicht mehr, was das bewöse?
[...] das war mitnichten das einzige Highlight in dieser Debatte. Ugugu dankt! An dieser Stelle möchte ich auch gleich betonen, dass ich ausnahmslos alle [...]
Wie immer in Diskussionen über Medien und Journalismus wird hier viel rhetorische und intellektuelle Energie in Fragen investiert, wie man denn nun sei, als Blogger oder Journalist?
Stattdessen würde man sich besser darauf besinnen, das, was man darunter versteht, einfließen zu lassen in das eigene Schreiben.
Dann würde zum GUTEN Ende nur die Frage übrig bleiben: Und wie schafft man es, nicht nur ein wucherndes Netz sich schaffen zu lassen durch willkürlich-willfährige Links, sondern ein News-Netz, in dem sich wirklich die Qualität und Redlichkeit der Absicht in den Texten spiegelt?
Für einen Teil der Netz-Welt, der mit der News-Welt wenig zu tun hat, versuchen wir das in der Blogbibliothek. Ein ähnlicher Ansatz wäre vielleicht auch für I-Net-News verfolgbar.
Und dann könnte man mir auf die Sprünge helfen, warum ausgerechnet der Teil an der Idee nicht so gut funktioniert, der entscheidend wäre: Die Verlinkung. Der Sprung vom Leser oder lesenden Blogger zum Content-Scout, der im Dienst an der Sache und nicht für das eigene Medium den Link einsetzt.
Echtes Content-Sharing eben: Guck mal, was ich gelesen habe. Das ist auch was für Dich!
[...] Beim Blog «Journalistenschredder» wird intensiv über das Selbstverständnis von Journalisten debattiert. Wir können die Lektüre nur [...]
Frau Müller, ich finde Sie wirklich grossartig.
Aber den Journis vorzuwerfen, dass sie an der Verseichtung der Medien schuld sind, weil sie (die Journalisten) auch mal gestreichelt werden möchten, halte ich für übertrieben. Ich bin im Soft-Bereich daheim, aber die Hard-Leute, die ich kenne, waren keineswegs nur daran interessiert, selbst berühmt zu werden. Am Erfolg des Weichgespülten sind nicht die schuld, sondern die Tatsache, dass die Menschen einfach nicht allzu interessiert an harten Fakten sind. Man kann niemanden zur Lektüre der WoZ zwingen, aber man kann müde, entnervte, überforderte und dumpfe Leute dazu bringen, aufgrund von ein paar Handbewegungen im Tram plötzlich doch zu lesen, was auf der Büchse Prosecco steht, aus der Paris Hilton trinkt.
Mir scheint ausserdem ein Faktor bisher nicht beleuchtet worden zu sein; „die Mächtigen“ in Wirtschaft und teils auch der Politik haben aufgrund der Evolution auch gelernt, sich gegenüber den Medien immer savvyer zu verhalten und ihre Kontrollmöglichkeiten auszuschalten. Nur deshalb konnte es soweit kommen, dass man als Journi von jedermann (das ist einfach billig) und von jedem VIP (das ist echt verletzend) belächelt wird.
@ Thinkabout: So soll es sein, so trägt letztlich jeder sein Scherflein bei, ohne erst nach Bezahlung zu fragen. Ich zum Beispiel versuche Ähnliches im Stilstand, wo ich im Kern über das Schreibenkönnen oder den ‘Stil’ rede. Zum allgemeinen Nutzen von Bloggern wie auch Journalisten, wie ich hoffe, und ganz ohne Lehrauftrag oder Klingelbeutel. Wer meint, das Thema ‘Literarisierung’ von Gebrauchstexten besser abhandeln zu können, der soll’s doch besser machen. Das Netz hat Platz für alle und jeden, das ist ja das eigentlich ‘Demokratische’ daran: Statt der großen Tore weniger Gatekeeper gibt’s jetzt ‘ne Gartenpforte für jeden. Die ‘Opinions’ der vielen ‘Publics’ können damit endlich zu einer ‘public opinion’ werden, nicht länger nur zu jenem Spiegelbild mehr oder minder interessanter verlegerischer Ansichten, die mit der ‘öffentlichen Meinung’ notorisch verwechselt wurden. Monolithisch aber wird’s dabei wohl eher nicht zugehen …