Journalistenschredder

Punkt, Punkt, Komma, Strich

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert von ugugu am Mai 4, 2009

«cash»,«.ch», «news». Streichliste nachgeführt. Allerdings hätte ich mal eine Frage an alle selbsternannten oder sonst aus welchen Gründen auch immer langjährigen Medienexperten da draussen. 61 Stellen ratzfatz gestrichen. Gibt es dafür Präzendenzfälle in der Schweizer Verlagsgeschichte, oder ist das einsamer spitzenmässiger Rekord?

17 Antworten

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  1. Dose E.S.K sagte, am Mai 5, 2009 zu 6:49 am

    Liebes Ugugu

    Wir sind keine selbsternannten Experten. Wir sind so genannte Medienpropheten. Auserwählte halt. Auch für uns (hosenindosenmedia.corp beschäftigt mittlerweile 849 Mitarbeiter, inklusive Backoffice) klingt 61 nach einer gewaltigen Zahl. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass die 69 betroffenen Personen aus Backoffice, Verlag und Redaktion stammen. Und dafür gibt es durchaus Präzedenzfälle. Ich erinnere daran, dass alleine die Basler Zeitung Medien AG in den letzten sechs Monaten weit über 40 Personen entlassen hat. Die Schliessung des TV Senders TV3 (Verlag: TA-Media/2001) kostete 80 Angestellte den Job.

    Nun warten wir mal die “Restrukturierung” des Tages Anzeigers ab. Danach diskutieren wir noch einmal über mögliche Rekordwerte.

  2. Kwiboo sagte, am Mai 5, 2009 zu 7:09 am

    Geht es hier um Rekordwerte, Präzendenzfälle, selbsternannte Medienexperte oder einfach um normale Berichterstattung mit eigenen Impulsen?

    69 (bzw.) Stellen sind 69 Stellen, diese Mitarbeiter aus Redaktion und Verlag dürfen sich nun einen Job suchen und das ist in dieser Wirtschaftslage nicht gerade einfach, ich merke es ja selbst. Da braucht es keine Vergleichswerte um irgend etwas zu verunglimpfen.

  3. ugugu sagte, am Mai 5, 2009 zu 7:13 am

    @Dose E.S.K:TV3! Guter Hinweis. Es ruhe sanft im Mediennirvana. Trotzdem ist es die absolute Zahl, die mich interessiert. Bei mir im Backoffice bei WordPress arbeiten sie auch alle wie verrückt, nur kenne ich die nicht persönlich. Tamedia und andere scheinen derzeit noch einiges über “natürliche” Abgänge zu regeln, insofern müsste man am ‘Ende’ der gegenwärtigen Entlassungswelle die absoluten Angestelltenzahlen von sagen wir 2007 bis 2010 vergleichen, um einen realistischen Wert zu erhalten, wer tatsächlich am meisten Leute auf die Strasse gestellt hat.

    @Kwiboo: Es geht auch nicht darum etwas oder jemanden zu verunglimpfen. Sondern eher um eine Einordnung für mich selbst. Immerhin finde ich es weniger als sauber, wie man heutzutage einen solchen Entscheid kommuniziert. Kurz ein PDF auf die Website gestellt, alles andere erfahren die Mitarbeiter via SDA.

  4. Kwiboo sagte, am Mai 5, 2009 zu 7:26 am

    Da gebe ich dir recht, so eine Kommunikation gehört sich nicht, aber wer weiss was da wirklich dahinter steckt…

  5. Dose E.S.K. sagte, am Mai 5, 2009 zu 7:53 am

    Dahinter steckt wie immer der Fact, dass Medienunternehmen weit schlechter gegen innen kommunizieren als gegen aussen.

    Und wir machen uns nicht über 69 entlassene Personen, darunter vor allem Journalisten, lustig. Im Gegenteil. Wir unterstützen die Forderung nach einem Sozialplan und bedauern die Tatsache, dass Journalisten mittlerweile zu den am Meisten von der Wirtschaftskrise betroffenen Arbeitnehmern gehören. Ich weiss wie schwer es derzeit für arbeitslose Journalisten ist, einen Job zu finden. Es ist praktisch unmöglich.

  6. Medienspiegler sagte, am Mai 5, 2009 zu 8:53 am

    Den Stellenabbau während der letzten Bust-Phase hat Yours Truly im Januar 2003 in einem NZZ-Artikel zusammenzufassen versucht. Dabei wagte er u.a. übrigens auch die folgende, unglaublich visionäre Prognose:

    Denn allenthalben ist die Befürchtung zu vernehmen, dass mit dem Aufkommen des Internets ein Strukturwandel eingeleitet worden ist, der zu einer bleibenden Verlagerung insbesondere der Stellen-, Immobilien- und Automobilanzeigen zum neuen Medium führen könnte.

    Tja, Consultant bleibt eben Consultant!

  7. ugugu sagte, am Mai 5, 2009 zu 9:19 am

    Sehr aufschlussreiche Zusammenstellung. Alles in allem aber doch eher Pipifax (Ausnahme Edipresse und SRG) im Vergleich zu dem wo wir Ende 2009/10 stehen werden.

  8. Chat Atkins sagte, am Mai 5, 2009 zu 10:05 am

    Tscha – der ewig grün und blau geprügelte Bote aus der sanft dahingeschiedenen Medienlese, der denkt sich sein Teil und sagt besser gar nichts dazu. An den Zahlen konnten wir paar Männekens jedenfalls gar nicht klingeln …

  9. Bettina Büsser sagte, am Mai 5, 2009 zu 10:41 am

    Bei “Facts” waren es (2007) ratzfatz 53 Stellen, bei “Cash” im gleichen Jahr etwa 40 – damals hiess es bzgl. “Cash”, es werde geschaut, dass alle im Haus Ringier eine neue Stelle finden – z.B. bei “Cash Daily” (mittlerweile auch selig…). TV3 wurde schon genannt. Richtig “grosse” Zahlen gibts halt nur, wenn ein Produkt eingestellt wird, ansonsten erfolgt der Abbau “in Tranchen”.

  10. André sagte, am Mai 5, 2009 zu 11:41 am

    @ugugu:
    erstaunlich – nebst der bedrückenden tatsache der schleichenden ent-politisierung der journalistenarbeit – wieviele “mediensachverständige” das anonyme netz hervorgebracht hat;
    erstaunlich, dass ob der teils erschreckend-zynisch-unbedarften posts in den “medienblogs” der eine oder andere gefeuerte journalist zögern dürfte, das wagnis web in angriff zu nehmen?

  11. Dose E.S.K sagte, am Mai 5, 2009 zu 12:06 pm

    Und was, jetzt einfach mal so dahergeredet, wenn der eine oder andere gefeuerte Journalist bereits mit seinen teils erschreckend-zynisch-unbedarften Posts einen Blog betreibt? Sprich, der gefeuerte und der Zyniker in Tat und Wahrheit derselbe oder anders gesagt, das Ergebnis der Entlassungswelle sind?

  12. ugugu sagte, am Mai 5, 2009 zu 3:09 pm

    @André: Zynisch-unbedarft ist weiss Gott keine netzspezifisches Alleinstellungsmerkmal. Vielleicht sollte sich dieser Journalist dann erst mal die Frage stellen, ob es je in seiner Absicht stand irgendwas von der (mitunter auch politischen) Realität in seiner Umgebung publizistisch abzubilden. Als zweites sollte er ins Zeitungsarchiv steigen und alle eigenen Texte mit einem fetten Stabilo Boss auf Zynismen, Sarkasmen etc. untersuchen. Tja, und dann kann es eigentlich schon losgehen, mit dem Publizieren im Netz.

  13. André sagte, am Mai 5, 2009 zu 4:35 pm

    @ugugu & Dose:
    ja was denn, die kolleginnen und kollegen wurden auf die strasse gestellt, weil sie entweder zu zynischen oder zu politischen journalismus betrieben haben? ist es denn nicht gerade die politische kompetenz, die viele mediensachverständigen-blogger den journalisten absprechen? hm, jungs, da muss wohl der eine oder andere nochmals über die (blog)-bücher.
    was mich aber sehr viel mehr interessieren würde: gibt’s denn konkrete möglichkeiten und strategien, dem mediensterben etwas entgegenzuhalten? (das war glaub’s eigentlich letztendlich auch ugugu’s ursprüngliche frage in diesem post an die medien-blogger)

  14. Geissenpeter sagte, am Mai 5, 2009 zu 5:28 pm

    Wer Medien nicht sterben sehen will, sollte sie unterstützen. So gut es halt geht. Darf ich hier – als mit dem Verband Schweizer Presse weder Verwandter noch Verschwägerter – Werbung für das unglaublich altmodische Abo machen? Wenn du auch eins lösen würdest, wären wir in einer vollbesetzten S-Bahn mit 900 Plätzen vielleicht schon zwei, die keine Gratiszeitung auf den Knien haben.
    Ernsthaft: wenn ich sehe, wie wenig Leute heute noch mit einer Tageszeitung herumlaufen, wirds mir bange. Aber wenn ich dann in Tagi und/oder NZZ schaue, juckt mich der Kündigungsbrief auch in den Fingern. Quoi faire? WoZ?

  15. ugugu sagte, am Mai 5, 2009 zu 6:49 pm

    @Geissenpeter: Pragmatischer Vorschlag. Sicher nicht der dümmste! Ein WoZ-Abo kann ich als ehemaliger Zweitleser und erst seit jüngstem Erstleser durchaus empfehlen.

    @André: Das war etwas aneinander vorbei geredet. Sehr verständlich habe ich mich in meinem letzten Kommentar auch nicht ausgedrückt. Was ich nicht verstehe: Warum sollten “Medienblogs” auf irgendeine Art und Weise Journalisten daran hindern etwas im Web zu wagen?

    Die Frage ist doch die: Weshalb trauert denn kaum jemand einem “.ch” auch nur fünf Minuten nach? Hat es eben doch auch etwas mit einer rein profitorientierten Publizistik zu tun? Sind es die Angestellten, die unter unsicheren Arbeitsbedingungen zu selbstausbeutenden Wortwarenlieferanten mutieren, aber kaum mehr einen vernünftigen Gedanken vor den anderen kriegen? Sind es all die Stückwerkrecherchen (Recherchen mit offenem Ausgang, gibt es das noch irgendwo?) Sind es all die Ad-hoc Thesen, mit denen sich der durchschnittliche Leser nicht mehr abgeben mag? Oder all die Kommentare, die zwar Kontroversen nacherzählen, in denen aber so etwas wie eine eigene Meinung höchstens in homöopathischen Dosierungen zu finden ist? Oder sind es die Leseransprüche, die einfach exponentiell gestiegen sind? Fragen über Fragen…

  16. Titus sagte, am Mai 5, 2009 zu 7:18 pm

    @ André
    Was in den letzten Jahren an Medien verschwand, waren junge Pflänzchen mit teils experimentellem, teils strategischem Charakter. Dies führte kurzweilig zu einer höheren Anstellungsquote – bis eben zur jeweiligen “Ratzfatz-Entlassungswelle”.

    Wenn von Mediensterben die Rede sein soll, dann von verschwundenen “Gegenpolen” in den Regionen. LNN und Vaterland in Luzern, La Suisse in Lausanne, Journal de Genève in Genf usw. Doch davon spricht heute keiner mehr. Wir haben uns unmerklich daran gewöhnt, lokal nur von einer Redaktion “bedient” zu werden und dies im Rahmen der “Newsdesks-Philosophie” zunehmen auch zwischen den Medienarten (Print, Lokal-TV, Lokal-Radio usw.).

    Wenn garantiert wäre, dass alle Meinungen gleichermassen zu Wort kommen, dann könnte ich als Medienkonsument mit einer “Einheits(brei)redaktion” leben. Doch hierzulande haben ja nicht einmal die Richtlinien des Presserates bindenden Charakter. Es sind eben nur Richtlinien. Wie sollen unter dieser Voraussetzung alle gleich zu Wort kommen, damit jede Meinung die gleiche Chance hat?

    Selbst wenn es bindende, journalistische Richtlinien gäbe, würde das nicht reichen. Denn hinter den Journalisten steht ja auch ein Arbeitgeber, welcher je grösser je liberaler denkt. Idealistisch eingestellte Herausgeber gehören heutzutage einer aussterbenden Rasse an.

    Ich bin überzeugt, dass das “gute alte Journalistenhandwerk” (wieder) Erfolg haben kann. Dafür müssen die Herausgeber vielleicht harte, zugleich aber auch faire Voraussetzungen schaffen und vor allem an ihre Produkte und Mitarbeiter glauben – und nicht nur an den Cash flow…

    Wir haben hierzulande für vieles irgendeine Kommission, welche die Entwicklung der fraglichen Sache beobachtet und gegebenenfalls den Mahnfinger hebt. Meines Wissens gibt es jedoch keine Kommission, welche um die freie Meinungsbildung besorgt ist. Vielleicht könnte man damit anfangen?

  17. Bern Beobachter sagte, am Mai 6, 2009 zu 12:14 pm

    Noch kämpft die .ch-Redaktion um die Rettung der Zeitung:

    Hintergrund: Die Journalisten dürfen gemäss Vertrag 14 Tage lang einen neuen Investor suchen. Sind sie erfolgreich, wird .ch als Tageszeitung, Wochenzeitung oder Onlineportal neu lanciert.

    Die Rettet .ch-Gruppe bei Facebook:
    http://www.facebook.com/group.php?gid=84015370613


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