Ausländer darf man kollektiv diffamieren und kriminalisieren, das ist längst Konsens in so mancher Schweizer Redaktionsstube, weil alles andere wäre ja falsch verstandene political correctness, nicht? Schweizer hingegen darf man kriminalisieren sofern sie über einen Migrationshintergrund verfügen – auch dieser Nonsense hat sich längst in so manchem Kopf festgesetzt. Dass man das ethnische Bullshitbingo aber noch perfektionieren kann, hätte ich für kaum möglich gehalten…
«Beim mutmasslichen Täter handelt es sich um einen 27-jährigen Nidwaldner “ohne Migrationshintergrund”».
Schweizerische Depeschenagentur (SDA) veröffentlicht nicht nur aber auch in der Aargauer Zeitung
«Die daraufhin begonnen Ermittlungen führten zu Geständnissen des 27-Jährigen ohne Migrationshintergrund.»
Associated Press (ap) veröffentlicht unter anderem in der Neuen Luzerner Zeitung.
Und soll mir jetzt keiner kommen, das stehe auch so in der Polizeimeldung des Kantons Nidwalden (pdf). Wer sagt denn, dass man jeden Unsinn abschreiben muss bzw. verschwurbelte Agenturmeldungen nicht abändern darf? (via)

Aber ist der 27-Jährige wirklich wirklich ein Nidwaldner? Nur zu gern würde man doch wissen, woher sein Urururur-Grossvater stammt!
“Migrationshintergrund” ist ein schreckliches Unwort. Wie deutet man es denn nun schon korrekt? Migrationshintergrund als legitimation einer Handlung? Ist die gleiche Handlung nun schlimmer, verwerflicher, und mehr zu sanktionieren wenn ein Migartionshintergrund vorliegt? Oder eben gerade nicht, weil, schliesslich ist der Migrationshintergrund schuld.
Einige meiner Vorfahren kamen vermutlich so Anfang 18. Jahrhundert als Flüchtlinge aus Frankreich in die Schweiz. Ich werde künftig darauf bestehen dass meine Nationalität mit “Schweizer mit Migrationshintergrund aus EU/EFTA Staat oder Commonwealth” angegeben wird.
Ich sag es mal so. Wem einer dabei abgeht soll von mir aus schreiben Deutscher, Franzose, Pole, Türke, Schweizer. Was hingegen gar nicht geht ist Geld-Jude oder Balkan-Raser.
Vielleicht könnte man in Zukunft noch sowas anfügen wie “ohne DNA- Deformation”, “regelmässig gepflegten Fussnägel” und “spät bei der Mutter ausgezogener”…
Eigentlich is ja allen klar, wass die Schreibenden damit ausdrücken wollte – es ist eben nicht “mal wieder der übliche Türke…Serbe oder sonstwas, die ja sowieso ständig ihre Freundinnen umbringen”, und in der Hinsicht ja schon sehr löblich. Nett wenn man mit der Aussage üblichen Vorurteilen entgegenwirken möchte. Aber hätte man das nicht ein wenig raffinierter anfangen können?
Da heute viele der früheren Ausländer eingebürgert sind braucht es halt eine Präzisierung, da die alten Kategorien Ausländer / Schweizer nicht mehr greifen. Denn ein Schweizer ist doch nie gewalttätig, nie kriminell und überhaupt. Also fürhrt man den Migrationshintergrund ein. Als würde bei schweren Straftaten jemals der Pass oder die Nationalität eine Rolle spielen…
@Brockhaus: es ist zumindest wichtig für kriminalitätsstatistiken…(und auch für die Prävention).
Immerhin müssen wir auf die wirklich korrekte Variante wohl noch ein bisschen warten: „… handelt es sich um eine 27-jährige Person ohne Migrationshintergrund und dem Anschein nach nicht einmal weiblichen Geschlechts.“
Ich würde es begrüssen, wenn dieses Thema sachlich diskutiert werden könnte, ohne in dieses ideologische Empörungsgedönse zu geraten. Schliesslich gehört die Frage der Nationalitätennennung zum Alltag der Kriminalberichterstattung.
Ob man die Nationalität nennt, ist meist Ermessenssache des einzelnen Journalisten, der den Bericht schreibt. Und auch die Polizei kennt keine einheitliche Regelung. Die Nennung oder Nicht-Nennung einer Nationalität trägt wie alles im Leben ein Risiko und auch eine Chance in sich.
Bei konsequenter Nicht-Nennung der Nationalität macht es sich ein Journalist bequem: Er ist von vornherein vom Vorwurf, eine Bevölkerungsgruppe zu stigmatisieren, befreit. Zu Recht darf man ihm aber vorwerfen, dass er mit einer solchen Haltung mutwillig die Augen verschliesst vor existierenden gesellschaftlichen Problemen. Das hat mit politischer (Un-)Korrektheit absolut nichts zu tun. Es ist eine Tatsache, dass in der Schweiz Quantität und Qualität der begangenen Straftaten einen Zusammenhang mit der Nationalität und der Herkunft der Straftäter haben, sowie mit dem Geschlecht und dem Alter. Natürlich muss man diese Statistiken hinterfragen, soziale, ökonomische und biographische Faktoren abwägen – und doch wird man zum Schluss kommen, dass die Kriminalitätsrate von jungen Männern mit ausländischer Staatsangehörigkeit tendenziell höher ist als bei Schweizer Männern derselben Altersgruppe. Selbstverständlich ist dies keine phänotypische Eigenschaft, sondern es zeigt ein gesellschaftliches Problem auf, das mit der mangelnden Integration dieser Bevölkerungsgruppe zusammenhängt.
Der Grundsatz sollte also lauten: Keine Fakten verschweigen, diese aber in einen Zusammenhang stellen. Das gilt selbstredend auch für Schweizer.
Überdies kann man die Nennung der Nationalität mit oder ohne Migrationshintergrund auch pragmatisch sehen. Wenn über Straftaten berichtet wird, drängen sich dem einen oder anderen Medienkonsumenten auch Vorurteile ein, es sei wohl erneut ein Angehöriger einer bestimmten Ausländergruppe beteiligt gewesen. Und in diesem Sinne ist es nur fair, wenn erwähnt wird, dass es sich bei einem verhafteten Waffendieb um einen Schweizer ohne Migrationshintergrund handelt.
Frau Müller
(Flüchtling und einstmals Asylsuchende in der Schweiz)
@ Frau Müller
Bitte verwechseln Sie die Berichterstattung nicht mit der Statistikerhebung.
Für die Berichterstattung ist die Nationalität nebensächlich. Sie macht eine Straftat nicht ungeschehen, sie macht sie nicht harmloser, aber auch nicht dramatischer. Sie schürt nur (weitere) Vorurteile gegenüber der genannten Nationalität.
Dass sie statistisch erhoben wird, mag richtig sein zur Dokumentation einer verfehlten “Integrationspolitik”. Aber das alleine verändert auch nichts…
Titus
(Ostschweizer Migrant im Kt. Bern)
@ Titus: Ihre Aussage ist äusserst undifferenziert. Selbstredend gibt es Verbrechen, die mit der Nationalität in Verbindung stehen – zum Beispiel bei einer Blutrachetat. Erst mit dem Wissen um die Herkunft des Täters wird bei solchen Taten das Motiv überhaupt fassbar. Oder denken Sie tatsächlich, dass es für die Berichterstattung irrelevant ist, ob das unter Schweizern oder unter Türken stattgefunden hat?
Das Ziel der Berichterstattung ist nicht, eine Tat ungeschehen zu machen, sondern die Leser darüber möglichst differenziert, tatsachengetreu und sachlich zu informieren.
Der Lausanner Kriminologe Martin Killias hat in einem Interview zu diesem Thema gesagt, wenn man die Nationalität ausländischer Straftäter verschweige, spiele man Rassisten sogar in die Hände; sie könnten sich dann als diejenigen profilieren, die es als Einzige wagten, die “Wahrheit” auszusprechen. «Der hohe Anteil ausländischer Täter ist real. Es geht gar nicht nur um Statistiken. Alle verfügbaren Daten, inklusive Opferbefragungen, zeigen dies. Also muss es auch in den Medien vorkommen.»
Überdies möchte ich Ugugus Eingangsthese, dass Medien Ausländer kollektiv diffamieren und kriminalisieren folgende Aussage von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung, EDI, entgegen halten:
«Den Medien in der Schweiz insgesamt darf zugute gehalten werden, dass sie fremdenfeindliche Manifestationen, rassistische Übergriffe und dergleichen breit rapportieren und unmissverständlich kommentieren.
Das Verständnis für asylsuchende Menschen ist in den Medien grösser als in der mehrheitsfähigen Politik und erst recht in der Mehrheit der Bevölkerung. Gleiches gilt für die Partizipation der ausländischen Bevölkerung an unserem gesellschaftlichen und politischen Leben. Wenn Themen wie die erleichterte Einbürgerung oder das Ausländerstimmrecht zur Diskussion stehen, fällt die Zustimmung in den Medien sehr viel deutlicher aus als an der Urne.»
wie lange muss ich leben, um als “Schweizer ohne Migrationshintergrund” betitelt zu werden?
@ Frau Müller
Stimmt! Hier nennen wir das eine “Familientragödie”….
@ Frau Müller
WENN der ausländische Hintergrund relevant ist fürs Motiv der Täterschaft, dann soll dieser erwähnt werden. Aber bitte nur dann. Das nenne ich dann differenzierte Berichterstattung. Das von Ihnen geschilderte Beispiel der Blutrache ist ja glücklicherweise hierzulande äusserst selten, womit die Erwähnung der Nationalität folglich auch selten sein sollte…
Beim oben geschilderten Fall spielte die Nationalität keine Rolle: “Die Tat steht mit persönlichen Motiven des Täters zum Erwerb der Waffen und Gerätschaften im Zusammenhang”, heisst es in der Medienmitteilung. Wenn es sich also um einen Türken, Albaner oder was-auch-immer gehandelt hätte, würde ich auch keinen Grund sehen, die Nationalität zu erwähnen. Andernfalls soll mir jemand erklären, weshalb man nicht den Beruf, die Schuhgrösse, die Blutgruppe oder andere Banalitäten erwähnt, welche auch nichts mit der Tat zu tun hatten.
Beim Familiendrama letzte Woche in Carouge ging es um “eine Schweizer Familie rumänischer Herkunft”. Motiv: “…er wolle seinem gescheiterten Leben ein Ende setzen und seine Familie mit sich nehmen.”
Familiendrama in Biel im Dez. 2006, 2 Tote, Schweizer. Motiv: “…dass die Frau krank gewesen sei”.
Familiendrama in Neuenburg im Aug. 2007: 2 Tote, Schweizer. Motiv: “…war der Auslöser für das Drama eine Ehekrise, bei der Eifersucht eine Rolle gespielt hat”
In diesen Fällen spielte die Nationalität nun wirklich keine Rolle.
Im Sinne der Worte von Martin Killias spielt der Fall von Carouge durch die Erwähnung der Nationalität eben auch in die Hände der Rassisten: “Siehste, wir sollten keine Ausländer einbürgern, die bringen sich ja nur um…”
Ich wehre mich nicht gegen die Erhebung der Nationalität wie übrigens auch zahlreicher anderer Kriterien, um daraus vorbeugend Massnahmen für die “gefährdete Zielgruppe” (man möge mir diesen Ausdruck verzeihen) ableiten zu können. Aber deren Erwähnung im Einzelfall sollte in den Medien (unter dem eingangs erwähnten Vorbehalt) wirklich keine Rolle spielen.
Zur Aussage aus dem EDI: Das Bildungsniveau zwischen kommentierenden (Chef)Redaktionen und der Mehrheit der Bevölkerung ist ja wohl doch ziemlich unterschiedlich. Ich setze daher voraus, dass eigentlich seitens Medien ein grösseres Verständnis für Fragen betreffend Ausländer da ist. Und die “mehrheitsfähige Politik” redet gerne nach dem Mund des Volkes, schliesslich will man ja wiedergewählt werden…
@Frau Müller.
Ich verbreite hier keine Thesen, sondern lediglich Feststellungen aufgrund täglicher Zeitungslektüre. Mit etwas gutem Willen könnte man auch Faulheit und/oder Unachtsamkeit unterstellen. Dass man Vorurteile auch ohne böse Absicht schüren kann, brauche ich hier wohl nicht näher zu erläutern.
Produktionsdruck und/oder Newshetze entlasten Journalisten jedoch nicht, sich in jedem Einzelfall erneut Gedanken darüber zu machen, ob die Nennung der Nationalität wirklich Sinn macht. Insofern lautet meine These höchstens: Die Nationalität (bei Schweizern der Migrationshintergrund) dient eben oft dazu einen vermeintlichen Zusammenhang zu konstruieren, mit dem sich gewisse Journalisten eben gerade die mühsamen “Büez” erparen, etwas in einen breiteren Kontext zu stellen.
Insofern ist der Vorwurf äusserst billig und polemisch, Journalisten, die in der Kriminalberichterstattung auf die Herkunftsbezeichnung tendenziell eher verzichten, würden grundsätzlich die Augen vor irgendwelchen Problemen verschliessen.
Im Sportteil lese ich auch eher selten “Fussballer X, Schweizer ohne Migrationshintergrund (oder mit Urgrossvater aus der Türkei), ist ein totaler Penaltyversager”. Komisch, oder?
Ich bleibe dabei. “Schweizer mit Migrationshintergrund” ist und bleibt kontextgelöst ein Bullshitkonstrukt. Ein ideologischen Kampfbegriff, der im politischen Kontext der Schweiz höchstens darauf abzielt neue Formen von Staatsbürgerschaft salonfähig zu machen. Zum Beispiel die Staatsbürgerschaft “auf Probe”. Als aufgeklärter Demokrat und Staatsbürger kann und werde ich solche Schindludereien nie und nimmer akzeptieren. Oder mich zumindest dagegen wehren – zur Not mit maximalem Empörungsgedöns ;-)
@ Gonorrea: Ihre Aussage ist völlig unsinnig. Blutrache ist eine Form der Selbstjustiz bei der ein Mann im Auftrag seiner Familie einen Mann der ANDEREN Familie umbringt. Sie hat einen kulturell-religiösen Hintergrund. An hiesigen Gerichten wird sie in der Regel als heimtückischer Mord gewertet.
Eine Familientragödie ist ein beschönigender Ausdruck für einen Mord an der Ehefrau (und den Kindern) mit anschliessender Selbsttötung.
@ Titus und @ Ugugu: Ich hoffe Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich es so direkt sage, aber ich halte die Argumentation von Professor Killias sowie die Einschätzung von Heinz Däpp von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung für stringenter als Ihre.
Auch die Gedanken von Peter Studer über Nationalitäten-Nennung scheinen mir vernünftiger: «In diese Überlegungen sind auch journalistische Berufswerte wie die Präzision der journalistischen Beschreibung, die Frühwarnaufgabe der Medien und die Offenheit des demokratischen Diskurses einzubeziehen. Solche Gründe können die Zuschreibung einzelner Straftaten oder Tatgruppen an nationale und ethnische Minderheiten rechtfertigen.»
Den Sportteil lese ich nie, aber Sie wollen einen verbockten Penalty-Schuss ja nicht mit der Vergewaltigung eines 5-jährigen Mädchens durch zwei 11- und 13-jährige Schweizer mit Migrationshintergrund vergleichen, oder? Eben.
Der Begriff Migrationshintergrund ist in erster Linie ein Ordnungskriterium der Statistik. Als rein statistische Kategorie sagt der Begriff nichts über das subjektive Zugehörigkeitsempfinden einer Person zur Schweizer oder einer ausländischen Kultur aus.
Es sind die Politiker und ihre Anhänger, die aus diesem Wort ein Kampfbegriff machen – und zwar sowohl von links wie rechts. Die Rechten wollen damit, wie Sie sagen, neue Formen der Staatsbürgerschaft salonfähig zu machen. Und die Linken missbrauchen die Tatsache der Migration als Entschuldigung für abweichendes Verhalten aller Art bei den von Migration Betroffenen.
Als Bürgerin dreier Staaten mit mehrfachem Migrationshintergrund finde ich jede Art von ideologischer Aufladung einer simplen Tatsache gleichermassen widerlich.
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