Blogger vs. Journalisten Reloaded
Medieninitiierter Bürgerjournalismus kann vorerst Ad acta gelegt werden. Es gibt da nämlich einen wunden Punkt an dem bislang noch jedes mehr oder minder ernsthaft gemeinte Bürgerreporter-Projekte gescheitert ist: Irgendwann kommt von irgendwoher ein anonymer «bäh»-Blogger daher, der früher oder später den Kontrollfreak- Automatismus bei einem/er der beteiligten Projektleiter/Journalisten auslöst.
Das war beim Big-Brother-Projekt Facts 2.0 der Fall, und lange davor, wie derzeit drüben bei Boocompany nachzulesen (siehe dazu ebenfalls F!XMBR) auch bei der Readers Edition. Vielleicht sollte man Journalistinnen wie Ursula Pidun, bevor man sie an ein solchen Projekt lässt, erst zehn Semester Konfliktforschung an der Harvard University Friedensforschung an der Uni Kassel studieren lassen. Zumindest scheint sich langsam aber sicher ein deutliches Eskalationsmuster abzuzeichnen, welches all diesen Fällen gemein ist:
1. Leser nerven sich über Schleichwerbung, rassistische Kommentare, you name it…
2. Journalist/Projektleiter schiesst zurück und behauptet alles im Griff zu haben.
3. Leser/Blogger wird unfreundlich und belegt das Gegenteil.
4. Journalist schreibt Hasstirade über die Bedeutungslosigkeit von Blogs.
5. Blogger bloggt.
4. Journalist/Projektleiter droht mit Anwalt.
5. Blogger bloggt.
6. Where do we go from here?
Zuletzt in diesem Kontext gelesen: Ein Kommentar von Peter Schibli in der «Basler Zeitung» (Baz vom 31. Oktober, online leider nicht verfügbar) in dem dieser lang und breit über anonyme Kommentatoren und Blogger herzieht. Gut gemacht Herr Schibli, Sie haben mit ihrer kollektiven Leserbeileidigung soeben dem selbstdeklarierten Avantgarde-Onlinejournalismus-Projekt «Newsnetz» die Luft zum Atmen entzogen. Klug wäre es gewesen, ein Onliner bei der «Baz» hätte Schibli sanft darauf hingewiesen, dass Leserbeleidigung im Web 2.0 sowas von «out» ist.
(Abgesehen davon: Warum Medienportale rechtsextremes Gedankengut anziehen wie Kuhscheisse die Schmeissfliegen, ist ein Thema, dem sich dringend mal ein Medienwissenschaftler ernsthaft annehmen sollte.)

ev. reicht ja auch ein blick auf die kommentar-spalten bestehnder (nahost-) und medienblogs, um diesen “den machen wir mundtot” mechanismus zu verfolgen.
und: wie wär’s mit blogger-eigenem themensetting anstelle von selbstbejammerung, selbstbemitleidungs-ritualen? oder ist es am änd öppen doch wichtig, was die schiblis dieser welt so zusammenschreiben?
Ich würde sagen, es gibt da irgendwo eine relativ klare Trennlinie zwischen vielleicht im Ton nicht immer ganz gemässigten, dafür ehrlichen Leserfeedbacks in Kommentarspalten von Onlinemedien/Blogs und offenem rassistischem Rumgeeiere, Verleumdungen oder gar Drohgebärden. Das Problem ist, dass die Schiblis dieser Welt noch lernen müssen diese zwei Dinge einigermassen auseinanderzuhalten.
Letztlich ist und bleibt es natürlich auch ein Stück weit eine Ressourcenfrage. Klicks und Comments sind, wie wir wissen, die gegenwärtige Währung für die Werbeindustrie. Wer sich das nötige Personal nicht leisten kann, einen ernsthaften Diskurs mit den Lesern zu führen, oder zumindest in einem vernünftigen Rahmen zu halten, sollte vielleicht grundsätzlich von Kommentarspalten absehen.
Dass ein Nahostblogger mehr Ressourcen aufzuwenden hat als ein, sagen wir mal, selbstbejammernder Bla-Bla-Blogger in der wohlbehüteten Schweiz, versteht sich doch von selbst, oder? Zur Not kann man Kommentare aber auch schliessen. Also bei WordPress funktioniert das.
Bürgerjournalismus? Wieso muss sich Journalismus mit dem Wort “Bürger” verzieren? Goots no? Aber alle die Bürger-Wörter kommen meistens auch aus der bürgerlichen Ecke, weil die dauernd alles bürgerlich-neu erfinden müssen! :-P
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