Kratzen an der Oberfläche
Heiligs Blechle! Die Experten haben sich mal wieder getroffen, um über den Niedergang des Journalismus zu verhandeln. In Deutschland natürlich. (Könnte sich mal jemand bei uns darum kümmern?) Ich gebe gerne zu: Bei dieser Standpauke von Stefan Niggemeier nicke ich zu 95 Prozent mit dem Kopf, und doch bleibt der fahle Nachgeschmack, dass hier nur an der Oberfläche gekratzt wird. Nichts gegen seine Ausgangsthese:
Die Verlage und Sender probieren im Internet gerade aus, ob es nicht auch mit weniger Journalismus geht.
Auf den ersten Blick brauchbar, auf den zweiten wenig überzeugend. Wie immer eloquent erläutert und mit handfesten Beispielen untermauert: Zu viele Klickstrecken, zu viel Trafficbolzerei undsoweiterundsofort. Nur: Wo bleiben die Antworten, wo das Normative, wo die Handlungsanleitungen? Wurde das Prinzip «weniger Journalisten produzieren nicht unbedingt weniger Output» – mit den bekannten qualitätsmässigen Abstrichen – nicht unlängst durchexerziert. Also bereits vor Aufkommen dieser Computerdingens.
Lässt sich Qualität wirklich so einfach in Medienhäuser zurückordern? Etwas mehr Korrekturleser, ein paar Klickstrecken weniger und nicht jede halbwegs recherchierte Story flott rausgehauen. Wenn ich Niggemeier richtig verstehe, lautet sein Credo: Praktikanten durch Journalisten vom alten Schrot und Korn ersetzen, die noch gelernt haben, wie man knallharte Recherchen in kleine journalistische Meisterwerke verwandelt. Ist es wirklich so einfach? Ja und nein.
Denn das Gegenteil wird in den kommenden Monaten eintreten, noch weniger Journalisten werden noch mehr «Output» produzieren. Den schlecht ausgebildeten Onlinern wird noch mehr Altherrengesäusel um die Ohren fliegen. Durch die Krise zittern werden zwar auch die alten Haudegen – ein Teil wird in die Berater und PR-Branche wechseln – aber weiter das Hohelied auf «Qualität» und «Print» singen, eine Qualität notabene, die sie selbst längst nicht mehr auszuliefern im Stande sind. Immerhin aber mit der Gewissheit, die eigentlich mehr eine Hoffnung ist, dass die nächste Entlassungswelle vorerst die erwischt, die den ganzen Trash ins Netz klatschen.
Denn, und das ist möglicherweise der entscheidende Punkt, viele Verleger schauen sich längst nach alternativen Einnahmequellen um. Wozu also noch die journalistischen Tarnkostüme? Was wir im Internet sehen, wirkt mehr wie eine ängstliche Wette auf die Zukunft. Der grosse Traffic-Einbruch möge bitte erst kommen, wenn das Business-Modell gefunden ist. Und das Motto, das in der Krise wieder vorherrschen wird lautet: Zur Not lassen sich auch ein paar Artikel mehr von Print nach Online schaufeln.
Was man gewissen Experten ausserdem unter die Nase reiben sollte: Ist es mit dem beschwören einer untergehenden «Mediendemokratie» bereits getan? Oder beinhaltet Demokratie vielleicht doch mehr als ein paar funktionierende Zeitungen. Ich sehe ihn bereits vor mir, den grossen «Bailout»-Plan für die Verlagsbranche. Man könnte aber auch argumentieren, mit dem Niedergang eines Springer-Verlags wäre schon viel für die Qualität im Journalismus und für die Demokratie im allgemeinen getan. Verlage, die in Händen von Verlagsmanagern liegen, die sich in den letzten 5-10 Jahren an Bezügen orientierten, welche in den 80er-Jahren selbst einen CEO einer Grossbank hätte vor Neid erblassen lassen.
Meine Tipps für die nahende Krise: Mehr Zeit, weniger Output, mehr Ausbildung, die Kreativität den Onlinern überlassen, weniger Berater, tiefere Kaderlöhne.

meine rede.
Ist ja langweilig, aber: auch meine rede.
Mehr Widerspruch!
Entschuldigen Sie, ugugu, aber ich bin gerade grässlich heftig damit beschäftigt, BB in seinem Blog zu widersprechen – das muss für den Moment an Widerspruch reichen.
An Alle: Gut gesprochen… ähm… geschrieben.
(klöhn) Ich schreib’s ungern, aber was der Lüönd da im „la crise n’existe pas“-Blatt über die Wirtschafts-Schurnis schreibt:
http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=21280&CategoryID=66
gilt wohl ganz generell. Insbesondere: „die Mehrheit der Redaktionen hat nicht mehr die Kraft, Fachspezialisten auf ihren Dossiers arbeiten zu lassen; es herrscht das Da-Vinci-Prinzip (jeder ein Universalgenie!). Und solange das so bleibt, geschieht es uns recht, wenn sie uns irreführen und wenn das Sozialprestige der Journalisten etwa dasjenige von Bordellpianisten erreicht.“ (/klöhn)
Im Übrigen: ugugu hat – wie immer – recht!