Idée Suisse? Nicht mein Genre, Frau Deltenre
Das Schweizer Fernsehen muss also Sparen. Kann sich kein Auslandmagazin leisten. Soso. Ich weiss nicht, wie es anderen ergeht, aber ich empfand dieses Interview mit SRG-Chefin Ingrid Deltenre im «Sonntag» stellenweise als ziemlich schnoddrig:
«Hohe Qualität ist auch unter hoher Belastung möglich. Im ganzen SF wird hart gearbeitet. Ich denke beispielsweise an die Sport- oder Newsredaktionen. Aber auch bei Zeitungen gehören lange Arbeitstage zum Alltag. Sicher hat die «Tag und Nacht»-Crew harte Bedingungen, die übrigens im Ausland oft Standard sind. Doch alle wussten, worauf sie sich einliessen. Die Alternative wäre, keine Serie mehr zu produzieren.»
Vielleicht bin ich in solchen Dingen etwas übersensibel, aber gewisse Manager-Phrasen, wie der Standardverweis auf das Ausland, oder andere Leute, die auch arbeiten, mag ich einfach nicht mehr hören. Warum nicht gleich Kinder als Reporter in Krisengebiete schicken, anderswo arbeiten Kinder auch? However. Deltenre beobachtet auch die Konkurrenz im Ausland, mit Betonung auf «beobachtet»:
Eine zusätzliche Talksendung wie beispielsweise «Hard Talk» auf BBC, die ich mir eigentlich wünsche, liegt tatsächlich nicht drin.
Einspruch! Alles eine Frage des Ressourcen-Managements. Ich könnte hier aus dem Stand eine verflucht lange Liste überlebensnotwendiger SRG-Formate runterleiern – bis mir trümmlig wird. Angefangen bei «5 gegen 5» über «Glanz & Gloria» bis zu «Music Star – Staffel Xxx…». Hallo! Da muss sich doch was umdisponieren lassen? Und sonst zückt man halt den Notfallplan. Manager haben immer einen Plan «B», dachte ich. «Hard-Talk» abwechselnd mit «Glanz & Gloria» wäre eine Variante. Aber bitte keine Cervelat-Promis im Polit-Talk, dafür gibts schon «Ziischtigs-Club».
Und zum Schluss meine Lieblingspassage aus dem Interview:
Das Schweizer Fernsehen beschäftigt rund 950 Mitarbeiter. Müssen Sie Personal abbauen, wenn es nicht mehr Geld gibt?
Früher oder später wird dieses Szenario Realität. Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn wir auf Sendungen verzichten, brauchen wir weniger Personal.
Sie sind bald fünf Jahre Direktorin. Macht der Job noch immer Spass?
Er macht extrem Spass! [...]
Cut! Cut! Cut!
Hach, Marcel, du hast Sorgen…

Und auch die Sport-Sendungen sind übervertreten. Welcher Schweizer Reich-Ranicki hat den Mut, Frau Deltenre über die Qualität ihrer Arbeit aufzuklären? Ist sie mit ihrem Job etwa überfordert oder arbeitet sie etwa nur aus Spass (siehe Interview) statt aus einem Verantwortungsgefühl heraus? Wie wärs mal mit einem Stellenwechsel, Frau Deltenre?
Jedes Mal, wenn sich Frau Ingrid äussert, muss ich mir ein Weinen verbeissen. Seit mir die Abgängerin einer renommierten Pariser Filmschule erklärt hat, dass sie jetzt in die Schweiz kommen werde, „weil man bei Tag und Nacht nicht so hart arbeiten muss wie an normalen Sets und erst noch mehr verdient“, hege ich die Hoffnung, dass sich der französische Braindrain (muahahaha) wenigstens positiv auf das schweizer TV-Niveau auswirken könnte. Doch weit gefehlt. SF-Produktionen, von Tagesschau bis Tag&Nacht sind und bleiben erbärmlich. Oder wie letztens ein FAZ-Redakteur meinte: „Bei euch ist alles irgendwie so lethargisch. Da schlaf ich immer gleich ein“.
Zum Sport am Schweizer TV: Ich habe keine Ahnung, wie jemand diese wild blinkende, knallbunt glänzende Kulisse länger als 30 Sekunden aushält.
[...] Kann mir mal jemand erklären, warum das bei mir so überheblich ankommt, oder geht das nur mir so? Dazu ist mir unerklärlich, wie man an diesen Job kommt, ohne sich dafür beworben zu haben? [...]