NZZ sucks! Ein langweiliger Titel? Keineswegs
Bitte, wer er sich antun will, darf folgenden Link gerne Copy-Pasten und damit seinen Browser belästigen:
http://www.nzz.ch/nachrichten/medien/web_20_1.694446.html
Für alle anderen die Kurzversion: Hinter dem Link verbirgt sich ein Artikel, indem ein Journalist versucht, für einmal in die Rolle des Frank Schirrmacher der Neuen Zürcher Zeitung zu schlüpfen. (Frank Schirrmacher? FAZ-Feuilleton-Chef und ‘Web-2.0-Assoziationsblaster’) Vielleicht ein zu harter Vergleich für den Artikel von Stefan Betschon, der obigen Artikel für die NZZ verfasst hat. Dennoch: Wer von der Kanzel NZZ doziert, sollte zumindest die Fallhöhen des Internets kennen.
Ehrlich gesagt, ist mir sogar äusserst schleierhaft, weshalb sich ausgerechnet Stefan Betschon auf Schirrmacher-Niveau begibt. Viele seiner Artikel rund um die Themen Medien und Internet sind mir tendenziell positiv in Erinnerung, da mit dem nötigen Fachwissen ausgestattet. Die Kolumne, oder was dieser Text auch immer sein soll, ist jedoch ein krasser Ausreisser von der Ausnahme, die üblicherweise die Regel bestätigt.
Über die Motive kann hier nur spekuliert werden: Sollte dies etwa ein plumper Versuch sein, sich in die Gilde der Blog-bashenden Journalisten einzureihen, um dem Web-Angebot der Neuen Zürcher Zeitung einige Backlinks zu verschaffen? Seit dem Relaunch schiessen die Traffic-Zahlen von NZZ-Online zumindest nicht in die Höhe. (Ich vermute ja immer noch es hat in erster Linie etwas mit der Mikro-Schrift zu tun, aber alte Leute sollen bekanntlich die Klappe halten, wenn es um so neumodische Trends wie das Internet geht.)
Aber wie sonst kommt ein Journalist auf die Idee, eine solch waghalsige – wenn auch nicht ganz unoriginelle – These über den Ursprung des Wortes Blog in den Raum zu stellen?
Dieses Kunstwort verbindet das «B» von Web mit «log» von Logorrhö, Geschwätzigkeit.
Ein paar lockere Sprüche reichen heutzutage jedoch längst nicht mehr, um ein Feedback aus der Blogosphäre zu erhalten. Dazu müssen mindestens ein paar direkte Giftpfeile auf Blogger abgeschossen werden. Wobei dringen zu empfehlen ist, den Blogger, dessen Blogeintrag man kritisiert abschreibt, direkt mit Pseudo-User-Generierten PR-Werbebrochuren à la “Notebook” zu vergleichen.
Dazu gilt es dringend die eigene Existenz mit einem dadaistischen Feuerwerk gegen die unbedeutenden Blogger zu legitimieren. Denn, so der Gipfel Stefan Betschons steiler These, einem ’schreibenden’ Journalisten würde es nie in den Sinn kommen, seine Texte in ein Blog zu kritzeln, weil Journalisten ‘eingebläut’ wird, sparsam mit Buchstaben umzugehen. Ein Journalist hat sich per Definition auf seine Funktion als Gatekeeper zu beschränken:
Sie sind Spezialisten im Weglassen. Denn nicht, um zu lesen, bezahlen Leser Geld, sondern um sich das Nichtlesen leisten zu können, um die Gewissheit zu bekommen, im Nichtgelesenen nichts verpasst zu haben.
Was auf gut Deutsch soviel heisst wie: Zeitungsleser zahlen nicht um zu lesen, sondern um nicht zu verpassen, wenn sich Journalisten wieder einmal mit unnützen Blog-Texten rumschlagen. Damit stellt sich allerdings auch die Frage: Braucht es, um das überflüssige Phänomen Blogs zu beschreiben, wirklich Gatekeeper? Und dann kommt mir noch eine andere Frage wieder in den Sinn, die ich schon fast verdrängt hatte: Wozu dienen eigentlich die NZZ-Blogs?
Update: Weitere Repliken auf den NZZ-Artikel…
…Peter Hogenkamp: Fluch des Blogreflexes?
…Siebensachen: (B)logorröh

Man wäre ja versucht, das Sprichwort “Nur getroffene Hunde bellen” hervorzukramen, würde man nicht beachten, dass der Blog, dessen Namen man sich nicht merken kann, eher schlecht auf den in der NZZ beschriebenen Stereotyp eines Blogs passt. Es ist doch nicht von der Hand zu weisen, dass eine astronomische Anzahl von privaten, nicht themenbezogenen Blogs vorwiegend Nabelschau der Blogosphäre betreiben? (Ich stimme allerdings zu, dass der einleitende Absatz etwas gar selbstgefällig und journalistenbedünkelt daherkommt.)
Vielleicht bin ich einfach zu sehr NZZ-Fanboy, um diese Kolumne so verfehlt zu finden. Aber ich denke, dass einige Blogger sich die Quintessenz, “weniger ist mehr”, durchaus zu Herzen nehmen könnten.
“weniger ist mehr” ist sowas von web1.0 ;-)
mit:
“«Manchmal fragen mich Leute, woher mir eigentlich die Ideen zum Bloggen kommen», schreibt ein prominenter Blogger. «Die Frage ist völlig falsch gestellt. Richtig wäre: Wie hältst du es bloss aus, fast alles nicht zu bloggen? Ich habe an einem beliebigen Tag in einer beliebigen Stunde einmal meine mitgezählt. Das Wort habe ich mir ausgedacht für den Gedanken: Es waren 14.» ”
meint er hogenkamp, der im blogwerk-jahrbuch über sich schreibt. wieso nennt betschon ihn nicht??
Ich wollte mich hierzu zunächst ebenfalls äussern, aber schien mir der besagte Artikel doch zu wirr. Und so entschied ich mich wie so oft: mit Nichtbeachtung den Meinungsmacher zu strafen.
Er meint sicher Hogenkamp, und ich denke, er wollte mich nicht vor aller Welt brüskieren. Das werde ich wohl selbst nachholen müsen.
Am lustigsten finde ich, dass es vermutlich tatsächlich mindestens zu einem Teil unser Blogwerk-Jahrbuch 2007 war, das ihn zu diesem Artikel angestiftet hat. Und das war ja genau unsere Idee, als wir es gedruckt haben: Journalisten lesen nur Zeug auf Papier.
Ich denke mal, er hat nächtens an die Dose gefasst und einen gewischt gekriegt: Der Frust musste raus …
prof. dr. christoph neuberger: “wir wissen aus der forschung, dass journalisten ein starkes ingroup-verständnis haben und ein relativ vages und tendenziell eher negatives publikumsbild. unter den bedingungen von presse und rundfunk konnten sie sich bequem darin einrichten, dass sie kaum kontakt mit denen hatten (…). dieses rollenverständnis des verkünders war zwar schon im schwinden begriffen, aber durch das internet hat sich das noch einmal beschleunigt.” aus: “journalismus” 2/2008 s. 51
So, ich habe nun auch meine längliche Replik zum besten gegeben.