Blick-Online: Dem ‘Scheff’ das Blog ausgeknippst
Ein kleines Müsterchen, wie Krisenkommunikation von A bis Z schieff gehen kann. Im Blick-Chat anfang März stellte ein Leser aus Arlesheim folgende Frage an Blick-Chefredaktor Bernhard Weissberg:
Grüezi Herr Weissberg, in ihrem Scheffblog hatten sie fast nur negative Kommentare. Gibt ihnen das nicht zu denken?
Bernhard Weissberg: Denken tue ich (fast) immer… Ist doch normal: Es melden sich eher die Kritiker als die, die loben wollen in der Schweiz. Und oft versteckt sich hinter mehreren Einträgen dieselbe Person – leider.
So Weissbergs lapidare Antwort. Nach knapp drei Wochen bloggen wurde beim Blick nun die Notbremse gezogen: “Der Scheff” bloggt nicht mehr. Blogeinträge inklusive Kommentare wurde kurzerhand aus dem Netz getilgt. Denn mitnichten handelte es sich um ein paar vereinzelte Kritiker, die sich zu Wort meldeten. Im Gegenteil: Auf die Flut an negativen Reaktionen zum neuen Blick-Layout war man schlicht nicht gefasst. Wie man mit dem Feedback aus dem Cyberspace umgehen sollte, wusste man erst recht nicht, also entschied man sich offenbar für die radikalste aller Varianten, um die Negativ-PR zu stoppen. Im “Google-Cache” ist noch ein kleines Müsterchen zu finden – eines der harmloseren allerdings – wie unbeholfen man die Diskussionen in den Kommenten über Tage am köcheln liess.
Das kurzlebigste Blick-Blog aller Zeiten zeigt aber auch auf, wie konzeptlos das “Scheff-Blog” von Anfang an aufgegleist wurde: Ein Dialog mit der Leserschaft zu führen, war offenbar als mögliches Szenario gar nie ersthaft eingeplant. Mindestens zwei Fragen bleiben offen. Warum wurde ausgerechnet auf ein Blog gesetzt? Und was denkt man beim Blick wohl über die eigene Leserschaft?
Update: Wichtiger Hinweis von bö, die alten Blogeinträge vom “Scheff” sind doch noch zu finden, im neuen Blick-Blog mit dem sinnigen Namen “derblog”. Mit anderen Worten, der Chef lässt jetzt seine Mitarbeiter bloggen. Na ja, so richtig auch wieder nicht: In “derblog” erscheinen am Vorabend die Kommentare, die am nächsten Morgen im Blick stehen.
tja, die blick-leser sind halt nicht so lieb, wie die heute-leser. wenn er entzugserscheinungen hat, kann er ja auf seinem alten heute-blog weiterbloggen. denn sein nachfolger ist ziemlich blogfaul….
allein, verlassen und verwaist das Ueberbleibsel aus dem “Scheff Blog” Weissberg. Warum bei Blick nicht auf ein Blog setzen ugugu? Ist ein Blog informativ, kritisch, gut rechechiert und dazu noch unterhaltsam, gehört das Lesen von Blogs zum Alltag wie das Zähneputzen. Ueberigens dein Blog ist so eine Neuentdeckung!
sali ugugu. stimmt, “der scheff” bloggt leider nicht mehr. aber alle alten postings sind doch noch online – oder was meinstu mit “gelöscht”?
http://www.blick.ch/news/schweiz/derblog (nach unten scrollen)
@bö
Danke für den Hinweis. Davon ausgegangen bin ich, weil alle alten Links ins Leere laufen und die Beiträge weder via Google noch via Blick-Suchmaschine zu finden waren. Was doch sehr schade ist, immerhin hatten einige Medienblogger ihre Freude am “Scheff-Blog” – beziehungsweise die “Highlights” aus drei Wochen Bloggen verlinkt. ;-)
Wurden in der IT-Abteilung etwa Ex-NZZ-Leute engagiert?
Jedes Medium hat die Leser, die es kriegt. Das gilt für die ‘Quartalsschrift für deutsche und internationale Literatur’, für die ‘Neue Juristische Wochenschrift’, für den ‘Playboy’, aber auch für den ‘Völkischen Beobachter’ oder die ‘Bild’. Immer ist es ’sein’ Medium, mit dem der werte Leser dann auch auf seiner intellektuellen Flughöhe ‘korrespondiert’. Medien sollten dafür dankbar sein, das Resultat ist oft zutreffender als jede Marktforschung über die Art der Leser-Blatt-Bindung …