Briefe an den Chefredaktor X, Y oder Z?

X-fach in Deutschland vorexerziert, dann mit ein paar Jährchen Verspätung in der Schweiz detailgetreu nachexerziert: Verleger kauft Lokalblättchen um Lokalblättchen und wird so zum Grossverleger Grossblättchenbesitzer. Ein bisschen Macht muss sein, um auf dem Anzeigenmarkt gegenüber der Konkurrenz die Preise drücken zu können. Mit dem Zusatzeffekt, dass der Berufsstand des Auslandjournalisten unterdessen zu einer aussterbenden Gattung gehört, da man im Grossblättchen-Verbund ja einig Journalisten, die bislang das überregionale, oder eben, das Ausland abdeckten, getrost in den Ruhestand schicken kann.

Was es jetzt noch braucht sind höchstens ein paar Lokaldeppen Lokaljournalisten, um den Anschein einer in der Region verankerten Zeitung gegen aussen zu wahren. Selbstverständlich lassen sich jetzt auch deren Löhne besser drücken, da es nun kaum noch regulär verdienende Auslandreporter mehr gibt. Und die wenig übrig gebliebenen Lokalreporter lassen sich zur Not auch noch um ein paar Billigst-Löhnern ergänzen: Beliebt etwa sind Studenten, die später “irgendwas mit Medien” machen wollen, oder Tanja-Anjas die ein paar Artikel später in die PR-Branche wechseln, wo der gleiche Textmüll immerhin halbwegs existenzsichernd entlöhnt wird.

Und dann sind da natürlich noch die Zeitungsabonnenten. Die sich zunächst kaum darüber aufregen, dass der Bericht aus Tel Aviv oder Buenos Aires in bald allen Schweizer Zeitungen vom gleichen Journalisten oder der gleichen Journalistin verfasst ist, sondern erst den Aufstand wagen, wenn das Lokalderby des eigenen Fünftligavereins (D-Junioren) nicht mehr in den Sporttabellen zu finden ist.

Und überhaupt, was kümmert uns Zeitungsleser so kurz vor der Euro 08 der Krieg am Hindukusch oder im Nordirak, solange wir noch lokalen Fussballnachwuchs haben?

Und weil die Euro 08 bereits so nahe ist, bemerke ich gerade, dass ich gewaltig vom Thema abweiche. Denn eigentlich wollte ich über Regionalzeitungen berichten, die gegen aussen als regionale Spezialitäten verkauft werden, auch wenn längst niemand mehr aus der Region irgendwo da draussen in der Welt ab und zu eine Reportage nach Hause telegrafiert faxt mailt. Hauptsache der Eindruck gegenüber den eigenen Lesern bleibt gewahrt. Und sollte sich doch einmal jemand erfrechen, sich beim Chefredaktor persönlich über die immer lausiger werdende Regionalzeitung beschweren zu wollen? Für den gibt es neuerdings dieses neumodische Formular:

St. Galler Zeitung St.Galler Tagblatt, Ausgabe für Stadt und Region St.Gallen

Update:

Frage mich gerade warum sich Bobby California über meinen Textmüll drüben beim Medienspiegel so aufregt?

4 Antworten zu Briefe an den Chefredaktor X, Y oder Z?

  1. Ugugu, das können Sie auch bei der Mantelzeitung “Südostschweiz” haben:

    http://www.suedostschweiz.ch/mediengruppe/kontakt/redaktion_so.cfm

    Ist schon fast ein Wunschkonzert :-)

    Dabei sind der W&O und der Sarganserländer auf dieser Liste gar nicht aufgeführt, obwohl sie auch zur Südostschweiz gehören.

    Liebe Grüsse von etwas weiter südlich.

    Frau Zappadong

  2. Wenn du dir aber jetzt mal überlegst, dass es zwar keine Auslandskorrespondenten mehr geben mag, und sicherlich nur noch Tanja-Anjas zur Berichterstattung vom Toggenburger Alphornfestival, dass der journalistische Instant-Betrieb dafür aber immerhin dieser sechs Chefredakteure bedarf, die alle eine andere E-Mail-Adresse und auch ein anderes Gehaltskonto haben, so kommst du dem Sinn solcher journalistischer Veranstaltungen schon erheblich näher. Die spielen alle das Trockene-Schäfchen-Spiel …

  3. Eine wunderbare Interpretation, Herr Atkins, daran hatte ich noch gar nicht gedacht.

  4. Was den Fussball betrifft wechseln demnach demächst einige Journalisten vom Lokal- zum Pokalressort…

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