StudiVZ, Xing, Facebook und Konsorten
Wenn die rechte Hand nicht weiss, was die linke Hand tut, kommt sowas dabei zustande. Zeit-Journalist Götz Hamann registriert sich für sechs Wochen bei Facebook und schreibt einen „Erfahrungsbericht“ über das grosse „Freunde- Netzwerk“ – welches demnächst den Datensammlern aus dem eigenen Verlag gehörig Konkurrenz verschaffen dürfte. Mit dem simplen Hinweis auf die Verlagseigenen Netzwerke StudiVZ und SchülerVZ, versucht Hamann Authenzität zu schaffen, und tappt dennoch in die Glaubwürdigkeitsfalle. Klügere Journalisten, die beim gleichen Verlag unter Vertrag stehen, meiden das heisse Eisen ‘Social Networks’, wie der Teufel das Weihwasser. Darüber sehe ich mal grosszügig hinweg. Wenn bei Holtzbrinck jemand den Hut nehmen sollte für strategische und/oder datenschutztechnische Fehlleistungen im firmeneigenen Personenüberwachungsgeschäft, dann sicher nicht die Journalisten.
Um es gleich klarzustellen: Es gibt keine Sippenhaft, auch nicht für Journalisten. Ich bin sogar gewillt, den Hamann-Artikel ein Stück weit als subversiven Akt zu klassifizieren, als eine Art Wink mit dem Zaunpfahl an die Chefetage im Holtzbrinck-Verlag. Nach dem Strickmuster: Schaut her, ihr Tunichtsgute und Entscheider an der Verlagsspitze, hier draussen gibt es eine Menge von Internetusern, denen es schlicht nicht egal ist, was mit ihren Daten in diesen Buddy-Netzwerken passiert. Nehmt euch in acht! Die Liste der Verfehlungen unserer eigenen Datensammler-, Auswerter und Vermarkter liegt nur wenige Mausklicks entfernt. Das nächste Mal dribble ich euch die ganze Wahrheit über StudiVZ knüppeldick um die Ohren! Das wird mein ganz persönlicher Karrierekiller.
Vielleicht hat Hamann so gedacht, als er den Text schrieb. Feinsäuberlich zeigt er das Geschäftsgebahren von Facebook auf, erklärt deren Überwachungs- und Profilingstrategie zwecks Monetarisierung – um daraus ein doch sehr dünnes Fazit zu ziehen:
„Ich kann jetzt alle Musik hören, die ich will. Und das legal. Außerdem konnte ich die Weihnachtsfotos eines Freundes sehen, der im Ausland lebt. In Facebook hat er sie mir gezeigt, und auch deshalb werde ich wohl dabeibleiben.“
Man staunt. Kann man unsensibler mit den eigenen Daten umgehen? Wen wundert es noch, dass Teenager ihr halbes Leben ins Netz stellen, wenn selbst Journalisten auf ihre ‘privacy’ pfeiffen; sich freiwillig von Neocons überwachen und mit Werbung zukleistern lassen, ohne daraus die Konsequenzen zu ziehen? Nähmlich die eigenen Profile schlicht aus solchen Pseudo-Freunde-Netzwerken zu tilgen. Wie wär’s damit: Ein Stück Freiheit und Privatsphäre, wiederhergestellt in wenigen Minuten. Ich persönlich habe diesen Schritt vor langem getan, wie unterdessen auch einige Journalisten. Ich sehe dazu leider keine sinnvolle Alternative. Und wenn, dann höchstens eine, für die ich nicht die Verantwortung übernehmen kann und will. Ich würde sogar sagen, ich distanziere mich ausdrücklich von dieser Idee, denn ich möchte als solches nicht zur Begehung eines unsittlichen Akts, geschweige denn einer Straftat aufrufen oder solche Akte und/oder Straftaten auch nur klammheimlich billigen. Aber darauf hinweisen, dass diese Möglichkeit von vielen Netzwerk-Aussteigern genutzt wird: Anstatt die Profile ganz zu löschen, diese durch Donald Duck oder Osama bin Draussen zu ersetzen, welche sich kaum mehr sinnvoll vermarkten lassen. (Disclosure: Selbstverständlich sollt ihr das tun.)
Der Datenflut-Ansatz hat allerdings einen entscheidenden Nachteil. Social-Network-Betreiber und einige Hype-Texter (hat hier jemand Turi 2 gesagt?), werden noch über „Millionen-Netzwerke“ schwadronieren, wenn sich dessen Bewohner längst verabschiedet haben.
Update: Do you have Facebook?

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