Weihnachtsprotestsendepause
Zwecks Ausbau des Body Mass Index, obwohl neben kurzweiligen Kaminbüchertagen auch ein paar Strandspaziergänge geplant sind. Dort wo ich hingehe, sollen Blogs und andere unbequeme Webseiten demnächst unter Bussandrohung aus dem Netz geklagt und Livestreaming ins Internet staatlich lizenziert werden. Ich schweige deshalb ein paar Tage aus präventivem Protest, vielleicht kann ich mich vor Ort ja irgendwie nützlich machen.
Silvio ist angezählt
Es herrsche ein «Klima des Hasses» («Un clima di odio») hört man derzeit auf fast allen italienischen TV-Kanälen. Ehrlich gesagt, italienisches Fernsehen macht durchaus aggressiv, aber: die pausenlos wiederholte Floskel vom Klima des Hasses erinnert eher an die berühmten «weapons of mass distruction», die zwar auch nie gefunden wurden, aber als Kriegsgrund durchaus gereicht haben.
Sicher ist: Berlusconis ergebene Schreihals-Kamarilla wäre durchaus bereit, auch noch den letzten Winkel in Berlusconis antidemokratischen Hintern auszuleuchten. Für wahrscheinlicher halte ich jedoch baldige Neuwahlen.
Im Grunde würde es reichen, den TV-Schwaflern zu erklären, dass man in einer Demokratie Politiker nicht wählt, um sie zu lieben. Anders verhält es sich damit in Diktaturen. Nicht einmal privat gehegte Hassgefühle oder Verachtung sind illegal, solange der Unmut an der Abstimmungsurne deponiert wird. Diese Demokratie-Basics hat der Souvenirwerfer von Mailand zweifellos nicht verstanden.
Italienisches Fernsehen zermanscht zuweilen das Gehirn, also versucht man sich Häppchenweise via Internet der Aktualität zu nähern. «Vergogna, vergogna…e poi? Un duomo in faccia», schreibt zynisch ein Kommentator unter ein Youtube-Video, in dem sich Berlusconi auf dem Mailänder Domplatz mit den Worten «Schämt euch, schämt euch» an die Demonstranten richtet, die ihn vom Rande seiner Politshow ausbuhen.
Auch diesen Ausschnitt aus Berlusconis Mailänder Rede halte ich für bemerkenswert. Die Ankündigung bei den nächsten Wahlen die rechtsextreme Partei «La Destra» in sein Wahlbündnis einzubinden ist ja auch nicht ganz ohne. Kurzes Gedankenexperiment: Angela Merkel verkündet bei den nächsten Wahlen ein Bündnis mit der NPD einzugehen, Sarkozy mit dem Front National oder Toni Brunner mit der PNOS. Unter uns gesagt: Souvenirs des Kölner Doms, der Notre Dame oder der St. Galler Stiftskirche düften ebenfalls reissenden Absatz finden.
Item. Der 42-jährige Domwerfer hat seine bescheuerte Tat im denkbar dümmsten Moment umgesetzt. Berlusconis Popularitätswerte (nicht die selbst manipulierten) waren soeben im Sinkflug, nicht zuletzt durch die jüngsten Anschuldigungen des Mafia-Kronzeugen Spatuzza. Die Opposition schnupperte dank der von Bloggern organisierten Grossdemo eine Woche zuvor wieder Morgenluft. «In viola, contra chi viola» lautete das Motto der zu hunderttausenden mobilisierten Zivilgesellschaft. Hass schüren geht anders.
Und jetzt, ist die Antiberlusconi-Stimmung bereits verpufft? Nur weil povero Silvio ein paar Tage im Spital lag?
Ich wage es zu bezweifeln. Die Hetzer um Berlusconi versuchen zwar jetzt erst recht das politische Klima zu vergiften. Schimpfen alles und jeden Kommunisten, verunglimpfen den Rechtsstaat und die Institutionen oder verlesen im Parlament gleich eine Art Fatwa gegen Journalisten, die neuerdings «Medienterroristen» heissen.
Die für den ganzen «Hass» verantwortliche Quelle ist auch längst ausgemacht: das Internet. Neue Zensurgesetze sind zwar schon länger in Pipeline, jetzt scheint jedoch der Moment gekommen, gleich die richtige chinesischen Firewall aufzufahren. Wer zufällig am 23. Dezember in Rom ist (wie ich vermutlich) kann auf der Piazza del Popolo übrigens an einer lustigen Blogger-Demo teilnehmen. (Mehr dazu hier, hier oder hier)
Einmal tief durchatmen Italien. Und immer schön die Ruhe bewahren. Bandiera viola trionferà.
Calypso Now
Blogger Bruder Bernhard aka «Hotcha» betreibt da seit einer Weile ein Zweitblog, in dem er sein in den 80er-Jahren gegründetes Kassettenlabel Calypso Now auferstehen lässt. (Zum downloaden auf den MP3-Player, i guess.) Item, also die Lektüre des Calypso Now Fanzine 1/85 kann ich nur schärfstens zur Lektüre empfehlen. Vor allem denjenigen, die noch immer nicht glauben, dass Kassetten Vinylplatten sowas von krass überlegen sind.
Oder weiss heute noch jemand was das Onanierparadigma ist? Eben. Abgesehen davon gibt es in diesem Fanzine massenhaft Pointen, die man sich keineswegs entgehen lassen darf. Nur nicht von der etwas arg vergilbten Scan-Qualität abhalten lassen. (Dazu den Musik-Abspielknopf unten im Blog anklicken, damit es richtig fägt.)
Nur mal so
Allenthalben diskutieren sie jetzt wieder die zum x-tausendsten Mal abgefeuerte SVP-Nebelgranate in Richtung Georg Kreis. Nur die Mörgele-Frage will keiner der SVP-Steigbügelhalter aus den Reihen der FDP und der CVP anpacken. Auch die vierte Gewalt windet sich, da hüpft man doch lieber gleich auf die nächste und die übernächste Propagandawelle unserer «völkischen» Volksfreunde. An vorderster Front wie immer die Onlineportale.
Feinde der Pressefreiheit: Lutz Schumacher vom «Nordkurier»
Ich denke nicht, dass man in der Schweiz den «Nordkurier» kennen muss. Ein regionales Käseblatt aus Norddeutschland mit einem ziemlich gräuseligen Onlineauftritt. Sehr aufmerksam verfolgen sollte man jedoch, wenn Leute wie Lutz Schumacher, Geschäftsführer ebendieser Postille, damit drohen, deutsche Blogger wegen nichts als Lapalien in Grund und Boden zu klagen. (Dank Google-Cache kann man den inkriminierten Blogeintrag übrigens hier nachlesen.) Ich verleihe Lutz Schumacher hiermit die goldene Kloschüssel für seinen unermüdlichen Einsatz zur Beschneidung der Pressefreiheit. Als erster Verlagsmanager im deutschsprachigen Raum dürfen Sie besonders stolz auf diesen Preis sein. Gratuliere.
Sündenbockdemokratie
(Bild via, dazu passend diese und diese Pflichtlektüre vom Schweizer Narr)
Couchepin hat recht
Muss ich jetzt meine humanitären Echolote neu eichen, oder gibt es tatsächlich keine einzige Schweizer Tageszeitung, die nach diesem skandalösen Fernsehauftritt von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli im «Club» von gestern (ab Minute 1:07:30) den sofortigen Rücktritt dieses bis anhin immer schön vorsichtig kryptofaschistisch fabulierenden Uniprofessors von sämtlichen öffentlichen Ämtern fordert? Oder ist das jetzt in der Schweiz bereits Common Sense, dass ein Politiker vor Millionenpublikum ohne mit den Wimpern zu zucken äussern darf, er nehme auch Ausschaffungen in den direkten Tod in Kauf? Fest steht, Alt-Bundesrat Pascal Couchepin hat sich damals für sein Mörgele-Mengele-Wortspiel entschuldig. Zu unrecht.
No «news» is good news
Ich teile die Einschätzung: «News» war von Anfang an ein destruktives Kackprojekt. Die Schliessung so weit so voraussehbar. Als nächstes folgt ein Zusammenrücken der Redaktionstische bei den beiden Trashportalen «20min» und «Newsnetz». Mindestens nochmals 30-50 Stellen. Nur mal so eine Frage an den Verwaltungsrat von Tamedia: Könnte Ausnahmsweise auch mal ein Projektverantwortlicher oder sonst irgendein geistloser Organigrammbastler über die Klinge springen? Als symbolisches Zeichen dafür, dass es nicht in erster Linie die hoffnungsvollen Nachwuchstalente sind, welche die ganze Verlagsbranche gegen die Wand fahren. Ein paar freiwillige Rücktritte aus dem doch auch ziemlich lukrativen Verwaltungsrat wäre eine alternative Möglichkeit.
No Berlusconi Day
Soviel ich live via «Rai News 24» mitgekriegt habe, war der Auftritt von Salvatore Borsellino (Bruder von Paolo Borsellino) der inhaltliche und emotionale Höhepunkt am gestrigen «No Berlusconi Day». Schon erstaunlich was man mit diesem Internet alles machen kann: Plusminus eine Million Demonstranten laut Veranstalter, nur gerade 90′000 laut Römer Desinformationspolizei, wobei denen vermutlich eine Null von der Tastatur gefallen ist.
Wer nicht manifestiert, verliert
Eigentlich wollte ich heute an den NBD, jetzt ist mir diese Sache dazwischengekommen…
- Zürich: Samstag, 05.12.09 : 14.00 Uhr Demonstration am Hauptbahnhof.
Und 16.00 Uhr Grossdemo auf dem Helvetiaplatz. - Basel: Samstag, 05.12.09 : 14.00 Uhr Demonstration auf dem Messeplatz für eine offene und tolerante Schweiz.
- Basel: Samstag, 05.12.09: 19.00 Uhr Treffpunkt Marktplatz, 19.30 Uhr Abmarsch Richtung Messeplatz / Basel bis, 20.30 Uhr Hauptprogramm
- Bern: Samstag, 05.12.09 : 14.00 Uhr Demonstration auf dem Bundeshausplatz.
- Zug: Samstag, 05.12.09 : 20.00 Uhr Demonstration auf dem Landsgemeindeplatz.
- Vevey: Sonntag, 06.12.09 : 14.00 – 23.00 Uhr Bau eines Minaretts aus Legobausteinen auf dem Place du marché! / venez nombreux, dimanche à 14 heures pour la construction d’un minaret en lego. Venez tous avec vos anciens legos
- Bern: Donnerstag, 10.12.09 : 19.00 – 20.30 Uhr Mahnwache auf dem Bundeshausplatz, Internat. Tag der Menschenrechte.
- Zürich: Donnerstag, 10.12.09 : 18.00 – 21.00 Uhr
Grossdemonstration am Bürkliplatz, mit verschiedenen Aktivitäten. - Rorschach SG: Donnerstag, 10.12.2009 : 18.30 Uhr auf dem Lindenplatz. Feier zum Menschenrechtstag mit Amnesty International & Freunden muslimischer- und christlichen Glaubens.
- Altdorf UR: Donnerstag, 10.12.09 : Um 19.00 Uhr Demonstration auf dem Lehnplatz.
- Luzern: Donnerstag, 10.12.09 : Um 18.30 Uhr Mahnwache beim Torbogen.
«Vigousse», c’est parti!
Zwecks Selbstdemütigung und Kaschierung meines Französisch-Defizits habe ich heute spontan entschieden dem druckfrischen Westschweizer Satiremagazin «Vigousse» eine Chance zu geben. Immerhin enthält es die vielversprechende Rubrik «mass merdia» und der Preis für ein Jahresabo scheint mir deutlich unter der Gürtellinie Schmerzgrenze. Die Redaktion begründet hier übrigens gleich selbst warum man «Vigousse» haben muss.
Danke für den Tipp @bbwiss
Oskar Freysingers Rap
Immerhin macht die Schweizer Remixszene Fortschritte seit der Abstimmung... (via)
Last Christmas
Bevor dieses Nächstenliebe-Gedudel im Radio wieder losgeht, lese ich nochmals die (alte) Bundesverfassung sowie das leider etwas spät verfasste Argumentarium gegen den absurden Minarett-Artikel und höre dazu etwas Musik.
Wunden lecken mit Feuerbach
«Laßt den andern glauben, was er will, aber fordert dafür auch von ihm, daß er dich nicht glauben läßt, was er glaubt. Diese Forderung ist gerecht und billig; aber ungerecht und verwerflich, verwerflicher noch als die Intoleranz des Gläubigen ist die Intoleranz des Aufgeklärten, welcher von den andern ohne Unterschied verlangt, daß sie zwar nicht so glauben, aber so denken, so frei und gescheut sein sollen, wie er selbst. Man muß auch gegen die Unfreiheit und Dummheit tolerant sein.» [Bruckberg, 25 Oct. 1851. Ludwig Feuerbach.]
Danke Ludwig, anders ist dieser demokratisch zustandegekommene Nonsense auch kaum auszuhalten.
Fernsehkritik (für Bobby *kisskiss*)
Die Sendung hab ich nicht aktiv mitverfolgt, nur einmal ganz am Anfang kurz reingezappt (und dann noch einmal ganz am Schluss). Dort in dieser ersten oder zweiten (weiss ich nicht mehr genau) Staffel lief also gerade so ein Energy-Protestsong, vorgetragen von einer ganzen Reihe Musiker (Stress und Baschi und viele andere mehr, die ich wieder verdrängt habe). Irgendwie taten sie mir furchtbar leid, diese «Musicstars», die sich soeben komplett vor den Ringier-Karren hatten spannen lassen, für eine Sache, die sich am Ende ohnehin nur mit der ganz grossen Geldschatulle hat lösen lassen (bis zu 6 Mio., heisst’s), weil Ringier in dieser Frequenzsache von A-Z im Unrecht war.
Deswegen und weil mir die Sendung auch sonst zielgruppentechnisch wenig auf mich zugeschnitten schien, zappte ich nach 10 Minuten wieder weg. Und bis heute frage ich mich, warum solcher Nationalsenf nicht direkt von Ringier gesponsert auf einem privaten Kanal abgespult wird. Oder gibt es irgendeinen erdenklichen Grund, weshalb ich die ganze Gossenpresse auch noch mit meiner TV-Steuer quersubventionieren sollte?
Copy & Paste
Eine Senkung der Journalistenlöhne darf kein Tabu sein
Guter Journalismus ist eine Investition in die Zukunft. Von dieser Investition profitiert die Gesellschaft, weil gute Journalisten die Wertschöpfung in unserem Land steigern – vor allem geistig und intellektuell. Alle profitieren davon, auch Menschen ohne Zeitungsabo. Bildung ist, wie es so schön heisst, der einzige Schweizer Rohstoff.
Weiterbildung ist für Journalisten aber auch eine persönliche Investition in die eigene Zukunft. Mit Diplomen in der Tasche steht der Weg offen für Karrieren mit Verantwortung, entsprechenden Aufstiegschancen und Löhnen sowie dem damit verbundenen Status. In keinem Verhältnis dazu steht, was Journalisten zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen. Journalisten decken in der Schweiz nur drei Prozent der Themen ab. Was Journalisten an gesellschaflichen Entwicklungen verpennen, ist also weit mehr als das, was sie abdecken könnten. Dieses Missverhältnis ist politisch gewollt – aber nicht in Stein gemeisselt.
Für einen offenen Zugang zum Journalismus spricht, dass damit automatisch auch die persönliche Verantwortung für das Geschriebene zunimmt. «Wer die Meinungsfreiheit nicht nutzt, ist wenig wert», heisst es. Wer Ende Monat tief in den Geldbeutel greifen muss, wird sich hüten, gesellschaftliche Trends zu verbummeln. Viele festangestellte Journalisten können sich tiefere Löhne durchaus leisten, entweder dank ihren Eltern oder weil sie eine reiche Frau geheiratet haben.
Eine Senkung der Journalistenlöhne muss aber zwingend verbunden sein mit einem funktionierenden System von Stipendien und rückzahlbaren Darlehen. Es darf nicht sein, dass der Zugang zum Journalismus der Sparwut zum Opfer fällt. Denn Journalismus betreiben können sollen alle, die das Zeug dazu haben. Und nicht nur jene, die es sich leisten können.
Naja, funktioniert nicht ganz, aber fast. Ansonsten sehe ich das genau wie Robert Menasse (via).
In ras veritas
Gott muss ein furchtbares Kuddelmuddel in seiner Buchhaltung haben. Anders kann ich mir nicht erklären, dass mein Lohn (die «NZZ» ist mein Zeuge!) immer noch nicht eingetroffen ist. Aber, ich habe einen Verdacht: Vermutlich hat dieser, dieser, dieser, dieser oder dieser Zwergpinscher Miniwatchdog meinen Anteil eingesackt. ;-0






Einen Kommentar schreiben